Boisch-keltische Münzfunde vor dem römischen Tempel am Frauenberg - Erlebnis Archäologie Blog

Zwei Goldmünzen Vom Frauenberg

Keltische Prägungen im römischen Fundkontext - Abenteuer Archäologie

Verein Erlebnis Archäologie - Verein ASIST - Abenteuer Archäologie am Frauenberg, Steiermark, Österreich

Seit den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts finden auf dem steirischen Frauenberg archäologische Ausgrabungen statt und immer wieder, gerade in den letzten 5 Jahren, kam es zur Freilegung von Funden außergewöhnlicher Qualität. Die Arbeiten der letzten Jahrzehnte mit Befunden aus der Hallstattzeit, der Latènezeit, der römischen Kaiserzeit und der Spätantike machen den Berg, der direkt an der Einmündung der Sulm in das Murtal bei Leibnitz liegt, zu einem der bestuntersuchten Orte der Region.

 

Neben den gut bekannten beiden römischen Kultanlagen, wurde 1997 auch ein späteisenzeitliches Heiligtum des sogenannten gallischen Typs entdeckt. Über diese Anlagen und auch den Isiskult, dessen Prakitzierung man lange Zeit auf dem Frauenberg vermutete, berichteten wir bereits in einem älteren Blog-Artikel. Wir wollen uns heute den beiden Goldmünzen widmen, die im Juni 2019 bei Ausgrabungen am Frauenberg entdeckt wurden, an denen Freiwillige vom Verein Erlebnis Archäologie mitgeholfen haben.

Eva und die boische Goldmünze - Abenteuer Ausgrabung

Abenteuer Archäologie - Keltische Goldmünze
Das ist Eva. Hier sitzt sie in einer Lehmentnahmegrube bei der Ausgrabung in Kleinklein und leert den Inhalt eines Pfostenlochs - sie hat noch keine Ahnung, dass sie ein paar Tage später einen Stater finden wird.

Am Montag dem 17. Juni 2019 beginnt eine Gruppe von 9 Freiwilligen mit den archäologischen Ausgrabungen am Frauenberg. Gegraben wird direkt im Bereich vor dem römischen Podiumstempel und zwar in einer Schicht, die sich am Ende des 4. Jhdt. n. Chr. abgelagert hat, also zu einer Zeit, in der ein Ikonoklasmus stattfand, durch den die heidnischen Tempelanlangen und Götterbilder ihre Zerstörung fanden. Im Jahr 380 unterzeichnete der oströmische Kaiser Theodosius I. ein Dekret, das das Christentum zur Staatsreligion erklärte und die Ausübung heidnischer Religionen unter Strafe stellte.

Bereits im Jahr 2015 kamen in einer Abfallgrube Spuren dieser Zerstörungswut zutage, als man mehr als ein Dutzend Muttergöttinnen-Statuetten, Tempelfragmente  und eine zerschlagene Mars-Statue  freilegen konnte, die allesamt nach ihrer Entweihung in einer Grube entsorgt worden waren.

 

Nachdem am ersten Grabungstag bereits ein gut erhaltenes Messer in dieser Zerstörungsschicht zutage kam, war die Sensation am Mittwoch perfekt. Ein lauter Schrei schallt über die Grabungsfläche - zuerst hätte man einen schmerzhaften Unfall vermutet, doch es war ein Ausruf von Freude. Eva hatte eine Goldmünze gefunden, noch dazu eine richtig große. Der Fund wird sofort an Ort und Stelle fotografiert und digital eingemessen, sodass seine genaue Lage auch in Zukunft noch nachvollzogen werden kann.

Abenteuer Archäologie - Keltische Goldmünze
Wenige Sekunden nach dem Fund. Eva verewigt den Moment mit ihrem Smartphone.

Der erste Blick auf die etwas mehr als 7 g schwere Goldmünze offenbarte eine geflügelte weibliche Figur. Die andere Seite, die sich später als Avers (also Vordersteite) herausstellte, zeigte ungeschulten Augen lediglich einen großen Buckel aus massivem Gold. Die erste Aussage des örtlichen Grabungsleiters Florian Mauthner lautete:"Des is a Kelte!". Damit hatte er letztlich Recht.

 

Relativ bald konnte die Münze grob bestimmt werden. Es handelt sich um eine späteisenzeitliche, also latènezeitliche Münze aus dem 3. Jhdt. v. Chr., die im nördlichen Niederösterreich, südlichen Mähren oder der Ostslowakei geprägt wurde und zwar vom Stamm der Boier.

 

Doch gleich stellte sich uns allen die große Frage: Was macht eine späteisenzeitliche Münze in einer Zerstörungsschicht der Zeit vom Übergang der römischen Kaiserzeit in die Völkerwanderungszeit?

Kurzer Exkurs in die eisenzeitliche Münzprägung - Abenteuer Archäologie

Abenteuer Archäologie - Griechische Münze
Griechisches Vorbild und mitteleuropäische Nachprägung. Copyright Hermann Junghans, Wikimedia Commons

Die frühesten Münzen entstehen in Griechenland im 7. Jhdt. v. Chr., wo sie aus der natürlichen Legierung Elektron mit einfachen Stempeln geprägt werden. Bis diese Form des Geldes zu uns nach Mitteleuropa kommt, werden noch vier Jahrhunderte vergehen.

Die Römer führten ab ca 280 v. Chr. den As mit einem Gewicht von 330 g als erste Münze ein. Zu dieser Zeit fertigten die bei uns lebenden Boier bereits gute Imitationen makedonischer Goldmünzen an. Doch wie kam es zu diesem Einfluss von so weit entfernten Völkern?

Eine Erklärung dafür ist, dass Angehörige latènezeitlicher Stämme als Söldner in der Armee Alexander des Großen (336 - 323 v. Chr.) gedient haben und als Entlohnung beispielsweise mit Münzen des Typs Athena-Nike-Stater, welcher den Funden vom Frauenberg entspricht, entlohnt wurden. Diese wurden dann lokal nachgeahmt und bald ein eigener "verwilderter" Stil entwickelt. Schlussendlich sollte sich ab dem 2. Jhdt. v. Chr. die Silberprägung als Hauptwährung in immer selbstständigeren Stil, aber mit griechischen Vorbildern durchsetzen.

Welche Münzen prägten die Boier und was waren sie wert?

Keltische Goldmünze - Ausgrabung für Freiwillige
Der Stater kurz nach der Freilegung.

Grundsätzlich wurden mehrere verschiedene Münzen geprägt, man benötigt schließlich Wechselgeld. Diese unterschiedlichen Münzgewichte sind die sogenannten Nominalen.

Für die Goldmünzen sind das: der Stater mit 7,5 g, der 1/3 Stater mit ca 2,6 g, der 1/8 Stater mit 1,0 g und der 1/24 Stater mit 0,33 g
Die Silbermünzen des 2. Jhdts. v. Chr. waren eingeteilt in:
Die Drachme mit 4,0 g, die Hemidrachme mit 2,0 g und der Obol mit 0,8 - 1,0 g.

 

Dabei ist anzunehmen, dass, je nach wirtschaftlicher Situation, ein 1/24 Stater etwa dem Wert einer Drachme entsprach. 
Was man sich mit einem Goldstater kaufen konnte, ist heute nichtmehr nachvollziehbar, doch steht außer Zweifel, dass die Kaufkraft dieser Münzen in der damaligen Zeit enorm gewesen sein musste. Statere wurden geprägt um große Finanztransaktionen durchführen zu können - Bauvorhaben, Tributzahlungen und natürlich Besoldung.

 

Was die boischen Rückkehrer mit dem Geld in ihrer Heimat anfangs kaufen konnten, ist absolut unklar. Doch kam es ab der ersten Hälfte des 3. Jhdts. v. Chr. zu einer eigenständigen Nachprägung. Nicht nur als Zahlungsmittel waren diese Münzen in Verwendung, sondern auch als Opfergaben in Tempeln, wo sie einen rituell-sozialen Zweck erfüllten. Die Höhe der geopferten Münzsumme spiegelte den Status der opfernden Person wider.

Münzopfer in Latènezeitlichen Tempelanlagen - Passt das auf den Frauenberg?

Ausgrabung für Freiwillige - Hobby Archäologie
Örtlicher Grabungsleiter Florian Mauthner (Links) informiert den Projektleiter Bernhard Schrettle (Mitte) über den Sensationsfund.

Nachdem heute von einer Kontinuität der latènezeitlichen Traditionen nach dem Übergang in die römische Verwaltung auszugehen ist, bestehen auch alte Traditionen weiter (wie etwa die Muttergöttinnen, die in einem älteren Blogartikel behandelt werden). Kann es also sein, dass die Goldmünze(n) aus der Grabung aus der "Kassa" des Tempels stammen, die bei der Zerstörung durch frühe Christen geplündert wurde? Das wäre ja noch ganz logisch, doch bedenkt man das Alter der Münze, die gut möglich in die erste Hälfte des 3. Jhdts. v. Chr. datieren kann, dann ist sie zum Zeitpunkt der Plünderung bereits über 600 Jahre alt.

 

Eine 600 Jahre alte Münze, die sich über viele Generationen hinweg, immer in der Tempelkassa, vielleicht im Tempelschatz befunden hat und bei der Plünderung verloren geht? Eine gewagte, aber nicht unmögliche Erklärung.

Eine einzelne Goldmünze macht noch keinen Schatzfund

Keltische Goldmünze am Frauenberg
Projektleiter Bernhard Schrettle beim ORF-Interview, kurz nach der Entdeckung der zweiten Münze.

Eine einzelne Münze würde diese Theorie kaum untermauern können. Sie könnte vor Ort seit der Latènezeit im Boden liegen und, durch welche Tätigkeit auch immer, von einem Römer umgelagert worden sein.

Doch es sollte noch etwas Unerwartetes geschehen:
Für Mi 17.6. war rein zufällig eine Pressekonferenz zu den Grabungen am Frauenberg geplant - der Münzfund hatte damit nichts zu tun. Als die Medienvertreter eintrafen, war die Freude natürlich umso größer, dass der tolle Fund einer stratifizierten Goldmünze der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte.
Während die Interviews geführt wurden, kam es zu einem weiteren Fund, der beinahe Herzstillstand bei uns verursachen sollte, so unwahrscheinlich war er: Beim Sieben des Aushubmaterials von Schicht 512, aus der auch der Stater stammt, wurde eine weitere Goldmünze des gleichen Typs gefunden, lediglich eine etwas kleinere Variante, wohl ein Drittelstater. Normalerweise würde man meinen, das wäre eine eingefädelte Sache gewesen, gerade wo der ORF das Videointerview geführt hat.

Die Freude war groß - Drei Goldmünzen in zwei Jahren

Stater keltische Münze
Ganzschön schwer, so ein Stater!

Nun gesellte sich der zweite Goldfund des Tages gemeinsam mit dem Stater zu dem Fund eines 1/24-Staters aus dem Jahr 2018, der bereits in der Ausstellung des Tempelmuseums Frauenberg zu sehen ist. In Kürze sollen alle drei Münzen gemeinsam in der Sonderausstellung am Frauenberg präsentiert werden.

 

Tempelmuseum Frauenberg

Die Goldmünzen vom Athena-Nike-Typus und weitere Funde der Grabungswoche von Erlebnis Archäologie

Die Münzen des boischen Typs Athena-Alkis waren für den täglichen Gebrauch wohl zu wertvoll, weshalb sie auch kaum in Siedlungskontexten und vielmehr als Hortfunde auftreten, was auch zum Kontext auf dem Frauenberg passen könnte, wobei hier momentan bis zur Auswertung der Grabungsergebnisse nur Vermutungen aufgestellt werden können.

Die Münzform entsteht vermutlich in den Jahren zwischen 280 und 260 v. Chr.
Geprägt wurde sie im südlichen Mähren oder gar im nördlichen Niederösterreich.

Am Avers, also der Vorderseite der Münze, befindet sich der Kopf der Athena mit korinthischem Helm und Helmbusch. Der Prägestempel muss bereits nachgeschnitten worden sein, da die Prägung ein hohes Relief ergab, man könnte fast schon von einem Buckel auf der Münze sprechen.

8 zusammenhängende Elemente eines Schuppenpanzers
8 zusammenhängende Elemente eines Schuppenpanzers

Der Fund dieser drei Münzen ist aus mehreren Gründen bedeutend: Alle drei stammen aus einem nachvollziehbaren Kontext einer archäologischen Ausgrabung und nicht aus Aufsammlungen an der Erdoberfläche. Außerdem wurden entsprechende Vergleichsstücke schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr in Österreich gefunden.

 

Große Freude herrschte an diesem Tag auf dem Frauenberg. Ein wenig überschattet wurden die anderen großartigen Funde, darunter eine Bronzefibel, eine Eisenfibel und acht noch zusammenhängende Elemente eines römischen Schuppenpanzers - hat sie ein plündernder Legionär verloren? Sie sind nicht die ersten Funde dieser Art in der spätantiken Zerstörungsschicht.

Ein aufregendes archäologisches Forschungsprojekt nähert sich dem Ende

Ausgrabungen Tempel Frauenberg
Das Grabungsteam 2019

2020 werden das letzte Mal archäologische Ausgrabungen am Frauenberg unter der Leitung von Dr. Bernhard Schrettle stattfinden, dann folgt die Aufarbeitung aller Ergebnisse und die Publikation dieser.

 

Wir von Erlebnis Archäologie hatten großen Spaß und viel Freude an der Teilnahme an der Grabung im Jahr 2019. Auch nächstes Jahr werden wir wieder dabei sein, wenn es ein letztes Mal in die tiefen Erdschichten unter dem Park des heutigen Tempelmuseums am Frauenberg geht. Wir freuen uns schon auf ein weiteres Abenteuer Archäologie!

 

Hier geht's zum Grabungkurs am Frauenberg!


Erlebnis Archäologie Zeitungsartikel Klaus Schindl
Zeitungsartikel aus der Kleinen Zeitung. Im Bild Gabriele Kleindienst, die Leiterin des Museums am Frauenberg; in der Bildmitte Bernhard Schrettle, der Projektleiter der Ausgrabungen und rechts Klaus Schindl, Mitgründer von Erlebnis Archäologie

Fotos der Ausgrabung 2019

Erlebnis Archäologie

Du wolltest schon immer an einer archäologischen Ausgrabung teilnehmen?

Dann nimm Teil am Erlebnis Archäologie im Zuge einer unserer vielen Grabungsprojekte in ganz Europa!

 

 

Literaturquellen:
B. Schrettle, Das Heiligtum Frauenberg. Vom latènezeitlichen Zentralort zum kaiserzeitlichen Zempelberg. In: M. Lehner – B. Schrettle (Hrsg.), Zentralort und Tempelberg. Siedlungs- und Kultentwicklung am Frauenberg bei Leibnitz im Vergleich. Wien 2016, 185–196.

H. Raubec, Die Münzprägung der Kelten an der mittleren Donau - Entwicklung und Einflüsse aus fremden Gebieten. Diplomarbeit an der Uni Wien, 2013.

M. E. Habicht, Keltische Imitationen des Philippstaters. Beobachtungen zur Geldwirtschaft der Kelten. Proseminararbeit an der Universität Zürich, 2005.
B. Ziegaus, Boische Münzen in Süddeutschland - Fremde Prägungen mit überregionaler Gültigkeit? In: Kolloqien zur Vor- und Frühgeschichte, Band 21, Bonn 2015.

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