Der Steirische Frauenberg

Das Abenteuer Archäologie

2.000 Jahre Mutterschaftskult

Erlebnis Archäologie - Ausgrabungen für Hobbyarchäologen

Zumindest drei unterschiedliche Kulturen haben Spuren ihrer Religion auf dem schönen Frauenberg bei Leibnitz in der österreichischen Südsteiermark hinterlassen.
Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte brachten nicht nur zwei römische Tempelbauten, sondern auch ein spätlatènezeitliches ("keltisches") Heiligtum und Elemente einer frühchristlichen Kirche zutage. Heute führt ein Kreuzweg durch die wohl mehr als 3.000 Jahre alten Reste einer einstigen Holz-Erde Befestigungsanlage hinauf zur Wallfahrtskirche, die der heiligen Mutter Maria geweiht ist.

 

Die Kultkontinuität seit der Römerzeit konnte aufgrund der Funde der letzten Jahre in einer gewissen Form eindeutig nachgewiesen werden. In einer großen Abfallgrube fand man rund ein Dutzend Statuetten einer stillenden Göttin mit Wickelkind. Auf einem zerstörten Weihestein liest sich heute noch die Inschrift "ISI" - können diese Artefakte den hier einst vielleicht praktizierten Isiskult belegen?

Schreib' einen Teil der Kultgeschichte weiter und begleite die Archäologen bei der Ausgrabung!

 

5-tägiger Grabungskurs mit Exkursionen

Ausgrabung Frauenberg
Ausgrabungen im Eingangsbereich des Tempels im Juni 2019.

Begleite unsere Archäologen - unterstütze die Forschung!

Details zum Grabungskurs für Freiwillige

Kurstermin 2020:

MO 1. Juni - FR 5. Juni 2020

Anreise am Vortag empfohlen!

 

Kursbeitrag pro Person:

ab 4 Personen € 950,-

ab 6 Personen € 870,-

ab 8 Personen € 700,-

bis max. 10 Teilnehmer

 

Im Beitrag ist eine Spende von € 200,- enthalten, die dem Forschungsprojekt überreicht wird und der Fortführung der wissenschaftlichen Arbeit dient.

 

NICHT enthalten ist:

  • Eigenanreise nach Leibnitz
    (Abholung vom Flughafen Graz oder Bahnhof Leibnitz möglich)
  • Unterkunft (Am Frauenberg gibt es zwei Pensionen mit Einzelzimmern ab 40 € inkl. Frühstück, die wir für unsere Gruppe reservieren. Die Grabung ist zu Fuß in wenigen Minuten erreichbar. Ferienwohnungen Karin oder Haus Schneeberger)
  • Verpflegung
  • Der Transport vor Ort erfolgt in Fahrgemeinschaften. Bitte gib bei der Anmeldung an, ob du ein Fahrzeug zur Verfügung stellen kannst.

Was beinhaltet der Kurs?

5 Tage archäologisches Programm, bestehend aus:

  • 4 Tage Mitarbeit an der Ausgrabung am Frauenberg (Mo 1. Juni ist Feiertag)
  • 1 Exkursionstag am 1. Juni - wir besuchen einen nahegelegenen eisenzeitlichen Zentralort, versteckt in steirischen Wäldern.
  • Intensive Einschulung zum Projekt und zu Ausgrabungen im Allgemeinen sowie in div. archäologische Methoden
  • Einführung in Dokumentation und Fundbestimmung
  • Betreuung durch die Archäologen des Vereins und das lokale  Team
  • Alle benötigten Werkzeuge
  • Hilfe bei der Kursvorbereitung (Anreise, Unterkunft)

 

Kursleitung:

Dr. Bernhard Schrettle (ASIST, Universität Graz)
Mag. Florian Mauthner (ASIST)

Klaus Schindl BA (Erlebnis Archäologie)

 

Hinweis:

Dieser Kurs ist keine Fachveranstaltung für Studierende der Archäologie, sondern für alle freiwilligen Teilnehmer frei zugänglich. Es werden keinerlei Vorkenntnisse benötigt.


Zeitungsbericht über die Funde am Frauenberg

Zeitungsartikel Abenteuer Archäologie
Zeitungsartikel zu den Funden der Goldmünzen am Frauenberg, bei denen der Verein Erlebnis Archäologie live dabei war!

Zentralort und Tempelberg

Der Frauenberg bei Leibnitz

Vom latènezeitlichen Zentralort zum kaiserzeitlichen Tempelberg

Keltisches Heiligtum
Abb. 1: Idealrekonstruktion eines spätlatènezeitlichen ("keltischen") Heiligtums im Freilichtmuseum MAMUZ Asparn/Zaya, basierend auf Grabungsbefunden aus Frankreich und Niederösterreich.

Am westlichen Rand des Leibnitzer Beckens in der österreichischen Südsteiermark gelegen, nimmt der Frauenberg eine wichtige verkehrstechnische Position an der Mündung der Sulm in die Mur ein.

 

Eisenzeitliche Siedlungsspuren

Der Frauenberg war in der jüngeren Eisenzeit, der Latènezeit, ein wichtiger, befestigter Zentralort - wenn man nach Cäsar ginge, würde man ihn wohl als Oppidum bezeichnen. Wann die Holz-Erde-Befestigungsanlage errichtet wurde, ist bislang ungeklärt. Nicht ungewöhnlich wäre die Entstehung in der späten Bronzezeit, als in ganz Europa verstärkte Befestigungstätigkeit aufkam. Die Frage der Datierung könnte jedoch nur durch eine Ausgrabung der Wallanlagen geklärt werden.

 

In der älteren Eisenzeit war der Frauenberg bewohnt, jedoch bei weitem nicht so bedeutend, wie der etwa 20 km das Sulmtal aufwärts liegende Burgstallkogel von Kleinklein (wo wir ein weiteres Grabungsprojekt anbieten), der ein überregional wichtiger Siedlungs- und Bestattungsort war. In der Spätlatènezeit verlagert sich die Siedlungstätigkeit auf den Frauenberg, wo auch ein großes Heiligtum angelegt wurde, das bereits wissenschaftlich untersucht ist. Dieses "keltische" Heiligtum, bei dessen Freilegung unzählige Rinderknochen, Waffen und Trachtbestandteile zutage traten, lässt sich mit dem sog. Gallischen Typ (Abb. 1.) vergleichen, wie sie in Frankreich, Luxemburg und Belgien besonders gut dokumentiert sind. Die Anlage am Frauenberg hatte eine Seitenlänge von rund 90 m und war aufgrund der Geländebeschaffenheit im Gegensatz zu den westlichen Äquivalenten nicht quadratisch angelegt. Sie wurde bis in die römische Kaiserzeit für Sachopfer verwendet, bevor sie vermutlich zugunsten der höhergelegenen Neuerrichtungen aufgegeben wurde. Anstelle wurde das Areal in spätantiker Zeit als Gräberfeld genutzt, was durchaus ungewöhnlich war für einen Platz, an dem sich ein überregional bedeutendes Heiligtum befand. In der Regel wurden diese in römischer Zeit mit einem sog. Gallorömischen Umgangstempel überbaut, was hier nicht der Fall war.

 

Mehrere römische Kultbauten am selben Ort

Ausgrabung Freiwillige Österreich
Abb. 2: Plan des obersten Plateaus am Frauenberg mit zwei römischen Kultbauten. Grafik: Bernhard Schrettle, ASIST.

Die römerzeitlichen Kultanlagen

35 Meter höher gelegen befindet sich ein weiteres Siedlungsplateau, auf dem man 1951 einen Podiumstempel entdeckte, dessen direktes Umfeld auch 2019  weiter untersucht wird. Erst im Jahr 2002 wurde ein unmittelbar neben dem Podiumstempel liegender, älterer frühkaiserzeitlicher Kultbau mit einer annähernd quadratischen Form entdeckt. Bei den darauffolgenden Ausgrabungen wurden zwar latènezeitliche Spuren freigelegt, jedoch kann diesen nicht eindeutig ein religiöser Zweck zugesprochen werden. Der älteste Kultbau ist nach dem aktuellen Stand der Forschung das in Abb. 2 rot dargestellte rechteckige Gebäude und datiert in claudisch-neronische Zeit (ab 41 n. Chr.). Um diesen Bau wurde dann vermutlich in flavischer Zeit (ab 69 n. Chr.) die im Plan hellblau eingezeichnete Umfassungsmauer mit hallenartigem Vorbau errichtet.

 

Kurz darauf dürfte die Errichtung des typisch römischen Podiumstempels (im Plan dunkelblau dargestellt) stattgefunden haben, der jedoch zum Teil auf älteren Strukturen steht.

 

Welchen Gottheiten waren die Kultbauten gewidmet?

Aufgrund der Aufgabe des prähistorischen Heiligtums und der Verlegung auf ein höheres Plateau, stellt sich die Frage, welche Gottheiten in welchem Bau verehrt wurden. Wenn man von einer Bewahrung eisenzeitlicher Traditionen ausgeht, käme die Verehrung des Schutzgottes Latobius in Frage, der in römischer Zeit zu Mars Latobius wurde, dessen unterlebensgroße Statue (Abb. 4) 2016 in einer Abfallgrube freigelegt worden war. Am gegenüberliegenden Seggauberg ist eine Inschrift für Mars Latobius Marmogius sowie für den stammesbeschützenden (Toutati) Sinatis Mogetio gefunden worden. Letzterer käme als verehrte Gottheit ebenfalls in Frage.

 

Die römische Stadt

Als Siedlungsort wurde der Frauenberg in römischer Zeit aufgegeben und an der Stelle des heutigen Leibnitz neu gegründet. Die Stadt Flavia Solva entstand. Interessanterweise ist die neu angelegte Stadt bzw deren Hauptstraße, der decumanus maximus, direkt auf das Heiligtum am Frauenberg ausgerichtet. Dazwischen liegt die römische Gräberstraße, die im direkten Umfeld des damals auch noch gut sichtbaren hallstattzeitlichen Hügelgräberfeldes angelegt wurde.

 

Ein Tempel der Isis?

Ausgrabung Steiermark Freiwillige
Abb. 3: Eine der 15 bisher gefundenen Statuetten einer stillenden Göttin mit Wickelkind. Grafik: Bernhard Schrettle, ASIST

Ein Tempel der Isis?

Seit den Ausgrabungen der 1950er-Jahre ist der kaiserzeitliche Podiumstempel fest mit der Benennung als Isisheiligtum verbunden. Die Funde der mittlerweile 15 Statuetten einer Göttin mit Wickelkind verbindet man daher selbstverständlich mit Isis Noreia. Doch diese Theorie ist aufgrund der Entdeckungen der letzten Jahre  kaum noch vertretbar. Dass es sich hier um einen Isistempel gehandelt hat, ist somit sehr unwahrscheinlich.

 

Welche Göttin wird also durch die Statuetten dargestellt?
Bei allen Figuren handelt es sich um lokale Produktionen aus Kalkstein, die unterschiedliche Produktionsqualitäten aufweisen. Es sind thronende Frauen, die ein Untergewand sowie eine Palla tragen und die an der linken Brust ein Kind stillen (Abb. 3). Meist handelt es sich um Wickelkind, ein zwei Fällen um ein größeres Kind, das auf dem Schoß der Frau sitzt. 
Bei allen Figuren wurde der Kopf abgeschlagen, doch glücklicherweise konnte auch ein erhaltener Kopf gefunden werden, der Rückschlüsse auf das Aussehen der restlichen gibt. Der wohl wichtigste Hinweis, der sich durch den Fund des Kopfes aufgetan hat, ist die Darstellung eines Torques, eines typisch eisenzeitlichen Halsreifs, den die Frau trägt und somit zeigt, dass prähistorische Trachtbestandteile noch in der Kaiserzeit getragen wurden.

Die Darstellung des Stillens, bei der die linke Brust entblößt ist und mit der rechten Hand dem Säugling dargeboten wird, entspricht vielen Darstellungen sogenannter kourotrophischen Göttinnen. Diese werden als Sinnbild des Kindersegens und der Mütterlichkeit angesehen und sind in weiten Teilen der antiken Welt verbreitet. Für einige dieser Göttinnen wird angenommen, dass sie eben keine spezifische Göttin darstellen sollten, sondern eher dem Wohle des dargestellten Kindes dienten, dem diese Votivgabe im Heiligtum gestiftet wurde. Bereits aus älterer Zeit sind symbolische Opfer bekannt, bei denen es sich beispielsweise um aus Holz geschnitzte Körperteile handelte, die mit dem Wunsch nach Heilung an einem Pilgerort, manchmal auch in heiligen Quellen, deponiert worden waren. Im Falle des Frauenbergs könnte der Wunsch das Wohlergehen des Wickelkindes gewesen sein.

 

Gott Mars Ausgrabung
Abb. 4: Unterlebensgroße Statue des Mars, die in der gleichen Abfallgrube 2014 freigelegt wurde, in dem sich auch die Statuetten der Milchgebenden Muttergöttinnen fanden. Grafik: Bernhard Schrettle, ASIST

Fehlende Verbindungen zu Isis

Das Motiv des Stillens steht zwar sehrwohl mit Isis in Verbindung, doch ist das Zentralmotiv, der Horusknabe, bei den Votivstatuetten vom Frauenberg nicht gegeben. Weiters ist Isis in Verbindung mit einem Wickelkind nie belegt. Die Funde unzähliger Statuetten stillender Göttinnen mit einem oder zwei Wickelkindern in den germanischen und gallischen Provinzen, in Rätien und auch im nordwestlichen Noricum drängen fast darauf, den Ursprung dieses Kultes lokal zu suchen, was wiederum durch die Darstellung des traditionellen latènezeitlichen Halsreifs, dem Torques untermauert werden könnte. Der Name der einheimischen Muttergöttinen, den Alounae, bedeutet "die Nährenden", was ein weiteres Indiz für einen lokalen Kult der Frauenberger Statuetten ist. Dies ist wiederum gut mit einem im nahegelegenen Poetovio freigelegten römischen Kultplatz in Verbindung zu bringen, an dem Weihinschriften Nutrices Augustae erwähnen. Die Nutrices, also die Nährenden, zählen dort wohl zu den wichtigsten lokalen Göttinnen, die für den Schutz und das Wohlergehen der Säuglinge zuständig waren.

 

Um diese Theorien zu untermauern, bleibt zu hoffen, dass weitere Funde bei den zukünftigen Ausgrabungen zutage treten, die neue Aufschlüsse auch die tatsächlichen Wurzeln dieses Kultes bieten können.

 

 

Für mehr Detailinfo empfehlen wir einen Blick in die Quellliteratur dieser Zusammenfassung.

 

 

Quellen:
B. Schrettle, Votive an eine Ammengöttin aus dem Tempelbezirk auf dem Frauenberg bei Leibnitz. In: Gabriele Koiner und Ute Lohner (Hrsg.), „Ich bin dann mal weg“ Festschrift für Thuri Lorenz. Wien 2016, S. 195–202.

B. Schrettle, Das Heiligtum Frauenberg. Vom latènezeitlichen Zentralort zum kaiserzeitlichen Zempelberg. In: M. Lehner – B. Schrettle (Hrsg.), Zentralort und Tempelberg. Siedlungs- und Kultentwicklung am Frauenberg bei Leibnitz im Vergleich. Wien 2016, 185–196.

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