Der Isistempel, der dann doch keiner sein sollte - der steirische Frauenberg

ZENTRALORT UND TEMPELBERG

Vom latènezeitlichen Zentralort zum kaiserzeitlichen Tempelberg

Abb. 1: Eine Idealrekonstruktion eines späteisenzeitlichen Heiligtums anhand niederösterreichischer und französischer Befunde im Freilichtmuseum MAMUZ Asparn/Zaya.
Abb. 1: Eine Idealrekonstruktion eines späteisenzeitlichen Heiligtums anhand niederösterreichischer und französischer Befunde im Freilichtmuseum MAMUZ Asparn/Zaya.

Am westlichen Rand des Leibnitzer Beckens in der österreichischen Südsteiermark gelegen, nimmt der Frauenberg eine wichtige verkehrstechnische Position an der Mündung der Sulm in die Mur ein.

 

Eisenzeitliche Siedlungsspuren

Der Frauenberg war in der jüngeren Eisenzeit, der Latènezeit, ein wichtiger, befestigter Zentralort - wenn man nach Cäsar ginge, würde man ihn wohl als Oppidum bezeichnen. Wann die Holz-Erde-Befestigungsanlage errichtet wurde, ist bislang ungeklärt. Nicht ungewöhnlich wäre die Entstehung in der späten Bronzezeit, als in ganz Europa verstärkte Befestigungstätigkeit aufkam. Die Frage der Datierung könnte jedoch nur durch eine Ausgrabung der Wallanlagen geklärt werden.

 

Abb. 2: Spaziergang über den heutigen Kreuzweg zur Wallfahrtskirche am Frauenberg. Dabei passiert man ein wahrscheinliches Zangentor, das Teil der prähistorischen Befestigungsanlage war.
Abb. 2: Spaziergang über den heutigen Kreuzweg zur Wallfahrtskirche am Frauenberg. Dabei passiert man ein wahrscheinliches Zangentor, das Teil der prähistorischen Befestigungsanlage war.

In der älteren Eisenzeit war der Frauenberg bewohnt, jedoch bei weitem nicht so bedeutend, wie der etwa 20 km das Sulmtal aufwärts liegende Burgstallkogel von Kleinklein (wo wir ein weiteres Grabungsprojekt anbieten), der ein überregional wichtiger Siedlungs- und Bestattungsort war. In der Spätlatènezeit verlagert sich die Siedlungstätigkeit auf den Frauenberg, wo auch ein großes Heiligtum angelegt wurde, das bereits wissenschaftlich untersucht ist. Dieses "keltische" Heiligtum, bei dessen Freilegung unzählige Rinderknochen, Waffen und Trachtbestandteile zutage traten, lässt sich mit dem sog. Gallischen Typ (Abb. 1.) vergleichen, wie sie in Frankreich, Luxemburg und Belgien besonders gut dokumentiert sind. Die Anlage am Frauenberg hatte eine Seitenlänge von rund 90 m und war aufgrund der Geländebeschaffenheit im Gegensatz zu den westlichen Äquivalenten nicht quadratisch angelegt. Sie wurde bis in die römische Kaiserzeit für Sachopfer verwendet, bevor sie vermutlich zugunsten der höhergelegenen Neuerrichtungen aufgegeben wurde. Anstelle wurde das Areal in spätantiker Zeit als Gräberfeld genutzt, was durchaus ungewöhnlich war für einen Platz, an dem sich ein überregional bedeutendes Heiligtum befand. In der Regel wurden diese in römischer Zeit mit einem sog. Gallorömischen Umgangstempel überbaut, was hier nicht der Fall war.

 

Abb. 3: Plan des obersten Plateaus am Frauenberg mit zwei römischen Kultbauten. Grafik: Bernhard Schrettle, ASIST.
Abb. 3: Plan des obersten Plateaus am Frauenberg mit zwei römischen Kultbauten. Grafik: Bernhard Schrettle, ASIST.

Die römerzeitlichen Kultanlagen

35 Meter höher gelegen befindet sich ein weiteres Siedlungsplateau, auf dem man 1951 einen Podiumstempel entdeckte, dessen direktes Umfeld auch 2019  weiter untersucht wird. Erst im Jahr 2002 wurde ein unmittelbar neben dem Podiumstempel liegender, älterer frühkaiserzeitlicher Kultbau mit einer annähernd quadratischen Form entdeckt. Bei den darauffolgenden Ausgrabungen wurden zwar latènezeitliche Spuren freigelegt, jedoch kann diesen nicht eindeutig ein religiöser Zweck zugesprochen werden. Der älteste Kultbau ist nach dem aktuellen Stand der Forschung das in Abb. 3 rot dargestellte rechteckige Gebäude und datiert in claudisch-neronische Zeit (ab 41 n. Chr.). Um diesen Bau wurde dann vermutlich in flavischer Zeit (ab 69 n. Chr.) die im Plan hellblau eingezeichnete Umfassungsmauer mit hallenartigem Vorbau errichtet.

Abb. 4: Grabungsarbeiten 2018 im Vorfeld des Podiumstempels (das im Hintergrund zu sehende weiße Gebäude, das heutige Museum, steht auf dessen Fundamenten)
Abb. 4: Grabungsarbeiten 2018 im Vorfeld des Podiumstempels (das im Hintergrund zu sehende weiße Gebäude, das heutige Museum, steht auf dessen Fundamenten)

Kurz darauf dürfte die Errichtung des typisch römischen Podiumstempels (im Plan dunkelblau dargestellt) stattgefunden haben, der jedoch zum Teil auf älteren Strukturen steht.

 

Welchen Gottheiten waren die Kultbauten gewidmet?

Aufgrund der Aufgabe des prähistorischen Heiligtums und der Verlegung auf ein höheres Plateau, stellt sich die Frage, welche Gottheiten in welchem Bau verehrt wurden. Wenn man von einer Bewahrung eisenzeitlicher Traditionen ausgeht, käme die Verehrung des Schutzgottes Latobius in Frage, der in römischer Zeit zu Mars Latobius wurde, dessen unterlebensgroße Statue (Abb. 6) 2016 in einer Abfallgrube freigelegt worden war. Am gegenüberliegenden Seggauberg ist eine Inschrift für Mars Latobius Marmogius sowie für den stammesbeschützenden (ToutatiSinatis Mogetio gefunden worden. Letzterer käme als verehrte Gottheit ebenfalls in Frage.

 

Die römische Stadt

Als Siedlungsort wurde der Frauenberg in römischer Zeit aufgegeben und an der Stelle des heutigen Leibnitz neu gegründet. Die Stadt Flavia Solva entstand. Interessanterweise ist die neu angelegte Stadt bzw deren Hauptstraße, der decumanus maximus, direkt auf das Heiligtum am Frauenberg ausgerichtet. Dazwischen liegt die römische Gräberstraße, die im direkten Umfeld des damals auch noch gut sichtbaren hallstattzeitlichen Hügelgräberfeldes angelegt wurde.

 

Frauenberg Statuette
Abb. 5: Eine der 15 bisher gefundenen Statuetten einer stillenden Göttin mit Wickelkind. Grafik: Bernhard Schrettle, ASIST

Ein Tempel der Isis?

Seit den Ausgrabungen der 1950er-Jahre ist der kaiserzeitliche Podiumstempel fest mit der Benennung als Isisheiligtum verbunden. Die Funde der mittlerweile 15 Statuetten einer Göttin mit Wickelkind verbindet man daher selbstverständlich mit Isis Noreia. Doch diese Theorie ist aufgrund der Entdeckungen der letzten Jahre  kaum noch vertretbar. Dass es sich hier um einen Isistempel gehandelt hat, ist somit sehr unwahrscheinlich.

 

Welche Göttin wird also durch die Statuetten dargestellt?
Bei allen Figuren handelt es sich um lokale Produktionen aus Kalkstein, die unterschiedliche Produktionsqualitäten aufweisen. Es sind thronende Frauen, die ein Untergewand sowie eine Palla tragen und die an der linken Brust ein Kind stillen (Abb. 5). Meist handelt es sich um Wickelkind, ein zwei Fällen um ein größeres Kind, das auf dem Schoß der Frau sitzt. 
Bei allen Figuren wurde der Kopf abgeschlagen, doch glücklicherweise konnte auch ein erhaltener Kopf gefunden werden, der Rückschlüsse auf das Aussehen der restlichen gibt. Der wohl wichtigste Hinweis, der sich durch den Fund des Kopfes aufgetan hat, ist die Darstellung eines Torques, eines typisch eisenzeitlichen Halsreifs, den die Frau trägt und somit zeigt, dass prähistorische Trachtbestandteile noch in der Kaiserzeit getragen wurden.

Mars Statue Frauenberg
Abb. 6: Unterlebensgroße Statue des Mars, die in der gleichen Abfallgrube 2014 freigelegt wurde, in dem sich auch die Statuetten der Milchgebenden Muttergöttinnen fanden. Grafik: Bernhard Schrettle, ASIST

Die Darstellung des Stillens, bei der die linke Brust entblößt ist und mit der rechten Hand dem Säugling dargeboten wird, entspricht vielen Darstellungen sogenannter kourotrophischen Göttinnen. Diese werden als Sinnbild des Kindersegens und der Mütterlichkeit angesehen und sind in weiten Teilen der antiken Welt verbreitet. Für einige dieser Göttinnen wird angenommen, dass sie eben keine spezifische Göttin darstellen sollten, sondern eher dem Wohle des dargestellten Kindes dienten, dem diese Votivgabe im Heiligtum gestiftet wurde. Bereits aus älterer Zeit sind symbolische Opfer bekannt, bei denen es sich beispielsweise um aus Holz geschnitzte Körperteile handelte, die mit dem Wunsch nach Heilung an einem Pilgerort, manchmal auch in heiligen Quellen, deponiert worden waren. Im Falle des Frauenbergs könnte der Wunsch das Wohlergehen des Wickelkindes gewesen sein.

 

Fehlende Verbindungen zu Isis

Das Motiv des Stillens steht zwar sehrwohl mit Isis in Verbindung, doch ist das Zentralmotiv, der Horusknabe, bei den Votivstatuetten vom Frauenberg nicht gegeben. Weiters ist Isis in Verbindung mit einem Wickelkind nie belegt. Die Funde unzähliger Statuetten stillender Göttinnen mit einem oder zwei Wickelkindern in den germanischen und gallischen Provinzen, in Rätien und auch im nordwestlichen Noricum drängen fast darauf, den Ursprung dieses Kultes lokal zu suchen, was wiederum durch die Darstellung des traditionellen latènezeitlichen Halsreifs, dem Torques untermauert werden könnte. Der Name der einheimischen Muttergöttinen, den Alounae, bedeutet "die Nährenden", was ein weiteres Indiz für einen lokalen Kult der Frauenberger Statuetten ist. Dies ist wiederum gut mit einem im nahegelegenen Poetovio freigelegten römischen Kultplatz in Verbindung zu bringen, an dem Weihinschriften Nutrices Augustae erwähnen. Die Nutrices, also die Nährenden, zählen dort wohl zu den wichtigsten lokalen Göttinnen, die für den Schutz und das Wohlergehen der Säuglinge zuständig waren.

 

Um diese Theorien zu untermauern, bleibt zu hoffen, dass weitere Funde bei den zukünftigen Ausgrabungen zutage treten, die neue Aufschlüsse auch die tatsächlichen Wurzeln dieses Kultes bieten können.

 

Wer selbst bei den Forschungsarbeiten aktiv mit dabei sein möchte und das Ausgraben ausprobieren will, kann das bei einem dreitägigen Grabungskurs von 17. - 19. Juni 2019 von Erlebnis Archäologie machen. Hier gibt es mehr Info: Grabungskurs Frauenberg

 


Dieser Text ist eine Zusammenfassung zweier Publikationen des Projektleiters Dr. Bernhard Schrettle, Verein ASIST.

Quellen:

B. Schrettle, Votive an eine Ammengöttin aus dem Tempelbezirk auf dem Frauenberg bei Leibnitz. In: Gabriele Koiner und Ute Lohner (Hrsg.), „Ich bin dann mal weg“ Festschrift für Thuri Lorenz. Wien 2016, S. 195–202.

 

B. Schrettle, Das Heiligtum Frauenberg. Vom latènezeitlichen Zentralort zum kaiserzeitlichen Zempelberg. In: M. Lehner – B. Schrettle (Hrsg.), Zentralort und Tempelberg. Siedlungs- und Kultentwicklung am Frauenberg bei Leibnitz im Vergleich. Wien 2016, 185–196.

 

 

Fotos der Grabungen 2012 - 2018:

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