Chachapoya - Herkunft der "Wolkenmenschen" Perus. Kommentar und Faktencheck.

Die Chachapoya

Gibt es tatsächlich Belege für eine Einwanderung europäischer Bevölkerung vor Kolumbus?

Kommentar und Faktencheck

Klaus Schindl, Erlebnis Archäologie

Chachapoya Erlebnis Archäologie
Die beeindruckende Festung Kuelap.

Das Internet ist wahrlich eine Fundgrube an spannenden Berichten und Artikeln zur Archäologie und Geschichte. Auch für Fachwissenschaftler sind Nachrichten, die in Online-Tageszeitungen, Wochenblättern oder auch Wissenschaftsmagazinen erscheinen, eine wichtige Bereicherung, denn es ist schlicht und einfach nicht möglich, sich eigenständig über aktuelle archäologische Forschungen auf der ganzen Welt up-to-date zu halten.

 

Doch leider wird viel kopiert, unreflektiert abgeschrieben oder viel zu oft einfach nichtwissenschaftliche Hypothesen als Tatsachen dargestellt und von fachfremden Lesern auch als solche angenommen. Das ist nachvollziehbar, denn viele Artikel erscheinen auf den ersten Blick fundiert und gut recherchiert. Wer hat schon Zeit, jede Theorie auf Stichhaltigkeit zu prüfen?

  

 

Wir beschäftigen uns diesmal mit den Chachapoya, einem wenig erforschten Andenvolk – zumindest wird dieses so im Internet dargestellt, verlässt man sich auf die ersten Ergebnisse, die beim Suchvorgang einschlägiger Internetsuchmaschinen auftauchen. Um ein Thema kommt man bei der Recherche zu den Chachapoya nicht herum: Ihr möglicher Ursprung in Europa, genauer genommen ihre Verwandtschaft mit Karthagern und "Kelten". Dieser Theorie wollen wir auf den Grund gehen.

 

Große Wogen hat die Veröffentlichung des Buches „Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya.“ vom deutschen Kulturwissenschaftler Hans Giffhorn seit dem Jahr 2013 geschlagen. Seit 1981 war Herr Giffhorn Universitätsprofessor für Kulturwissenschaften in Deutschland, nun im Ruhestand. Man kann also voraussetzten, dass wissenschaftliches Arbeiten wesentlicher Bestandteil seines Arbeitslebens war bzw. noch immer ist. Im weiteren Text dieses Blogs wird Prof. Giffhorn in aller Kürze mit Giffhorn angesprochen – dies ist nicht abwertend zu verstehen, sondern dient der einfacheren Lesbarkeit.

 

Giffhorns Theorie besagt, dass etwa um die Zeitenwende eine Gruppe von europäischen Siedlern (bestehend aus "Kelten" und "Keltiberern" aus Nordspanien und den Balearen sowie Karthagern auf der Flucht vor den Römern) das Amazonasgebiet erreicht, bis nach Nordperu vordringt und sich dort dauerhaft niederlässt. Wir stehen dieser Theorie kritisch gegenüber, wobei es hier  nicht um die grundsätzliche Ablehnung der Theorie geht, „weil sie nicht ins Weltbild passt“, sodern darum, dass diese Thesen einfach wenig bis gar keinen Rückhalt haben, dabei jedoch ebenso präsentiert werden.
Wir wären tatsächlich sehr erfreut, wenn diese Theorie der Abstammung der Chachapoya der Wahrheit entspräche und man eine Reihe von gesicherten Beweisen hätte. Das wäre unglaublich spannend und - ja - es würde die Geschichtsschreibung verändern. Dies ist durchaus üblich in der Archäologie und ein begrüßenswerter Umstand - das macht es doch so spannend! 

 

Tatsächlich stehen wir mit unserer skeptischen Ansicht nicht alleine da -  in der Fachwelt ist der Konsens durchwegs ablehnend.

Aus oben genanntem Grund liegt dies aber sicherlich nicht an der etwaigen - von Giffhorn oftmals postulierten - Furcht der Fachwissenschaft davor, dass die europäische Besiedlung Südamerikas doch früher erfolgt sein könnte, als derzeit angenommen. Vielmehr hat es mit der mangelnden Beweisführung des Autors zu tun.

 

Nehmen wir dies also im Folgenden genauer in Augenschein.

 

 

Womit bekräftigt Giffhorn seine Hypothese?

Chachapoya Archäologie Kelten
Rekonstruiertes Chachapoya-Haus. Copyright Gregor Ludwig CC BY-SA 3.0

In zusammenfassenden Artikeln im Internet sowie in seinem Buch liest man hauptsächlich von

  • DNS-Proben, den Nachweis der Haplogruppe R1b sowie einer Mutation, die in Europa entstanden ist und rote Haare und Sommersprossen zufolge hat
  • einer Bauweise von Rundhäusern, die „Kelten“ und „Iberokelten“ in Nordostspanien und den Balearen in sehr ähnlicher Form angewandt haben
  • Steinschleudern, die bei den Mumien der Chachapoya gefunden und in derselben Form auch von „keltischen“ Bevölkerungsgruppen auf den Balearen verwendet wurden
  • einer eigenartigen Bronzeaxt, die im 5. Jhdt. n. Chr. in Europa hergestellt und im Amazonas gefunden wurde
  • Mumien aus vorkolumbischer Zeit, an welchen Tuberkulose nachgewiesen werden konnte, obwohl der Erreger erst nach Kolumbus nach Amerika gelangte
  • einer Schädeltrepanation, die ein Vergleichsstück im Mittelmeerraum hat
  • Schädeltrophäen, die bei Chachapoyas und auch „Kelten“, besonders in Spanien archäologisch nachgewiesen wurden. Ebenso werden auch die „zum Verwechseln ähnliche“ Übereinstimmung von in Stein gemeißelten Gesichtsdarstellungen in Spanien und Peru angesprochen.

Dies sind die wichtigsten Argumente, die Giffhorn anführt und als ausreichend betrachtet, um die Richtigkeit seiner Hypothese als sehr wahrscheinlich darzustellen. In einem kurzen Kapitel beschäftigt er sich mit Wissenschaftstheorie – unabdingbar in der modernen Forschung, um Selbstreflexion zu betreiben und über seine Methodik nachzudenken. Dabei erklärt er, dass eine Hypothese nicht bewiesen werden kann, sondern nur widerlegt. Davon lebe die Wissenschaft; von einer Reihe von Widerlegungen, bis sich eine Hypothese hält, ohne widerlegt zu werden. Man kann davon ausgehen, dass diese dann sehr wahrscheinlich richtig ist. Damit hat Herr Giffhorn nicht unrecht, denn für die reine Geisteswissenschaft, die ja die Archäologie im Grundlegenden ist, gilt das. Doch existieren auch noch tatsächliche Naturwissenschaften, auf welche sich die Archäologie stützen kann, um durch das wissenschaftliche Experiment Hypothesen auch verifizieren zu können.

 

 

Chachapoya Kelten

Zur Frage der Genetik

Chachapoya Reise Peru
Sarkophage der Chachapoya. Copyright Pbordo2016 CC BY-SA 4.0

Giffhorn beruft sich immer wieder auf hellhäutige, blonde und rothaarige Ureinwohner Perus. Für ihn ist das der wichtigste Hinweis auf eine Verwandtschaft mit „Kelten“. Den Begriff „Kelten“ versucht er kurz zu definieren und kommt zur Aussage, dass sie keine einheitliche Ethnie darstellen, sondern ein Ergebnis jahrtausendealter Durchmischung, die in einer Kulturgemeinschaft (sic!) vor allem durch Sprache und Religion geeint sind (Giffhorn 2014, S. 237).

Ohne nun auf den höchst komplexen Begriff der „Kelten“ eingehen zu wollen, empfehle ich Interessierten die Lektüre von „R. Karl 2012, Essentiell „keltisch“? Zum Sinn der Fragen was „die Kelten“ kennzeichnet und woher sie kommen.“ (Online auf academia.edu verfügbar).


Giffhorn jedenfalls bezieht sich auf Simon James, der wiederum von Berichten antiker Autoren wie Herodot und Diodor schreibt, dass für die Griechen und Römer die Festlandskelten (ein Begriff der in der antiken Literatur so nicht vorkommt) wegen ihrer Körpergröße und blonden oder rötlichen Haare und blassen Gesichtsfarbe aufsehenerregende Gestalten waren. Das wiederum gibt Giffhorn Anlass zu behaupten, dass dies ein Grund sein könnte, warum es überdurchschnittlich große, hellhäutige und blonde Chachapoya gibt.


Einige Mumien, darunter auch welche die eine ungewöhnliche Haarstruktur und rötliche Haare aufwiesen, sind bereits genetisch untersucht worden. Es wurde kein Nachweis von Haplogruppen gefunden, die nicht seit den ersten Besiedlungswellen im Paläolithikum in Südamerika existieren. Diesen Umstand erklärt Giffhorn damit, dass man ihm ja einfach den Zugang zu den neuesten Analysen verwehren würde (Giffhorn 2014, 242-244) und argumentiert weiters, dass die Fachwelt mit einem Nachweis europäischer Einwanderung vor Kolumbus bloßgestellt werden würde.

 

Berichte von Konquistadoren über weißhäutige und blonde Chachapoyafrauen können ohne genetische Beweise z.B. durch Spontanmutationen erklärt werden, wie sie auf jedem Kontinent vorkommen. Solche Mutationen können zu einem Schönheitsideal oder evolutionären Vorteil werden und sich somit weiterverbreiten – nichts anderes ist in Europa auch geschehen, abgesehen von einem Vorteil der Hellhäutigkeit bei geringerer Sonneneinstrahlung in höheren Breitengraden.

 

Giffhorn nimmt Proben in Peru

Giffhorn nimmt auf einer Südamerikareise Speichelproben von hellhäutiger und rothariger Bevölkerung und lässt sie untersuchen. Dabei berichtet er von Beobachtungen, dass rothaarige und blonde Kinder von schwarzhaarigen Indio-Eltern abstammen und laut einem Schuldirektor eines sehr entlegenen Dorfes immer wieder zur Welt kommen, angeblich auch schon vor der Ankunft der Spanier. Diese Aussagen, die sich auch auf "Lokalgeschichten" oder sogenannte "Oral History" stützen, stellen für Giffhorn natürlich wichtige Indizien dar, sind jedoch noch kein Beweis für Verwandtschaft mit europäischen Einwanderern von vor 2000 Jahren.


Die Ergebnisse der von ihm genommenen Proben lieferten - laut Giffhorn, Publikation dazu gibt es keine - DNS-Marker, die rote und braune Haare anzeigen, deren Ursprung in einer europäischen Mutation liegt. Wie schon erwähnt, wäre es grundsätzlich auch möglich, dass diese genetischen Marker auch unabhängig durch eine spontane Mutation entstehen und sich durch die Isolation einer Bevölkerungsgruppe und Schönheitsideale rasch verbreiten. Jedoch scheint es, so ein Zitat aus einem Gespräch (also bisher nicht publiziert und nicht nachweisbar) mit dem Rotterdamer Genetiker Manfred Kayser, der die Proben untersuchte, als stamme die Mutation tatsächlich aus Europa. Dies würde bedeuten, dass diese Gene entweder aus der Zeit vor Kolumbus von Einwanderern gebracht wurden oder nach Kolumbus mit den Spaniern nach Südamerika kamen.


Zu guter Letzt, bevor man erstaunt oder erschüttert die letzte Seite des Buches umblättert, eröffnet Giffhorn die Entdeckung der Haplogruppe R1b in den Speichelproben aus Peru. Diesmal sogar ohne publizierte Quellenangabe, lediglich wieder aus einem Gespräch mit Manfred Kayser.
Die Haplogruppe R1b kommt tatsächlich in Westeuropa vor, sehr häufig in Spanien, was das Einkreuzen spanischer Gene nach Kolumbus ganz gut erklärt. Laut Giffhorn passt es jedoch direkt in seine These, denn laut ihm häuft sich das Auftreten der Gruppe in Nordwestspanien, „und genau dort blühten noch bis vor über zweitausend Jahren die Bautraditionen der Keltiberer und der Castro-Kultur, die den Wohn- und Bauformen der Chachapoya verblüffend gleichen, und spanische Kelten hinterließen eine Vielzahl weiterer kultureller Traditionen, die man in derselben Form wieder bei den Chachapoya fand“ (Giffhorn 2014, 268.). Für Ihn ist somit seine Theorie so gut wie bewiesen und er bittet darum, Dogmatismus im Wissenschaftsbereich abzubauen, über seinen Schatten zu springen und sich bei der Neuverfassung der Geschichte Südamerikas zu beteiligen. Bezüglich Letzterem möchten wir ihm sehr gerne zustimmen.

 

Dies war also der Stand im Jahr 2014.

2017 wurde schließlich eine DNA-Studie in Nature veröffentlicht (https://www.nature.com/articles/s41598-017-17728-w). Dieser war durchaus überraschend, denn er bewies, dass die Chachapoya eine genetisch sehr isolierte Gruppe in Südamerika darstellten, die von den Bevölkerungsverschiebungen der Inka relativ unbeeinflusst blieben. Die Sprache Quechua scheint bei den Chachapoya auch nicht durch Migration, sondern durch Akkulturation angenommen worden zu sein. In den 119 gesammelten Proben von indigenen Chachapoya wurde R1b nicht festgestellt. Zumindest kann gesagt werden, dass die Chachapoya genetisch von anderen Quechua-sprechenden Indigenen unterscheidbar sind. Von einer Vermischung mit Europäern in präkolumbischer Zeit ist auch in den Studien nach Giffhorns umstrittenen Untersuchungen nicht die Rede. Solange aus den Umständen der Probensammlung und der Sequenzierung keine anderen Beweise vorliegen, als Zitate aus Telefongesprächen, kann man dieses Kapitel vorerst abschließen und auf baldige Neuuntersuchungen von Chachapoyamumien hoffen.

 

Hier ein Zitat von Manfred Kayser aus 2016 (von Giffhorn auf Video aufgenommen und dann von ihm in einem Artikel online veröffentlicht): 

"Manfred Kayer emphasizes:"So, one interesting question of course would be when the European admixture was introduced in these people. Was it thousands of years ago, was it hunderds of years ago, was it pre-Columbus. was it with Columbus? Manfred Kayser knows a method by which DNA analysers can be used to show when an admixture of Amerindian women and European immigrants took place: "So we cannot really do this with the preliminary data we have. Therefore, for that, one has to look into many more individuals to use computer simulations to find out about the period of origin of a certain mutation. In principle, it is possible to do this, but you need larger sample size. We are therefore planning new samling expeditions to these places where the Grunguito people are living to get more volunteers for this study. Then with more data we will be able to say more specific things including establishing the time of the original admicture." (documented on video in Giffhorn 2016, part IV." Quelle: http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/Celtic-Immigrants-in-Ancient-Peru.pdf (Stand 3.12.2019)

Damit ist jegliche Beweiskraft von Giffhorns DNS-Samples widerlegt - er schreibt es sogar selbst.
Schließlich folgt, in dem selben Artikel wie oben verlinkt, die Rechtfertigung, dass dieses neue Sampling nie stattgefunden hätte, weil die peruanischen Archäologen die Durchführung bis heute erfolgreich verhindert haben. Wie soll irgendjemand verhinder, dass Proben von Freiwilligen genommen werden - die peruanischen Archäologen hätten doch nicht mal davon wissen brauchen. So redet man sich einfach auf den Dogmatismus in der Fachforschung aus, weil die Sorge zu groß ist, wieder keinen Beweis erbringen zu können.

 

Zusätzlich weisen wir an dieser Stelle auf die anthropologischen Untersuchungen von über 600 Individuen aus Bestattungen in Kuelap, der möglichen einstigen Hauptstadt Chachapoyas, hin. Zusammengefasst berichten die Autoren: „Using skeletal data gathered from a large sample of over 600 burials from Kuelap, we examine estimations of stature, limb proportions,indicators of robusticity, body mass estimates, cranial modication, and traumatic injuries to reconstruct aspects of the physicality of the Chachapoya men and women. Comparisons can be made to the limited published literature to consider if the Chachapoya were distinct from other pre-Columbian populations either on the coast or in highland areas. While this is therst approximation of a morphometric prole of this Andean region, the Chachapoya’s reputation is not over-whelmingly supported by a physical distinctiveness, although there are some specic features that distinguish them from other groups. (Toyne 2017, 159)

 

Tuberkulosekranke Chachapoya

Eines der wichtigsten Argumente Giffhorns ist der häufige Nachweis von Tuberkuloseerkrankungen an den Knochen von Chachapoya-Mumien. Von bis zu 20 % der Bevölkerung ist die Rede, aber nur bei jenen der Nekropole am Kondorsee, was allerdings an fehlenden Untersuchungen anderer Mumien liegt. Der Anteil der Erkrankungen sei so hoch, weil teilimmune Europäer dort lebten und immer wieder jene ansteckten, die nicht immunisiert waren. So blieb der Anteil der erkrankten immer hoch, während die Nachfahren der Europäer gesund blieben. Giffhorn ist sich sicher, dass der Erreger nur von keltischen Einwanderern kommen kann, denn er wurde nach seinem Informationsstand offiziell erst nach Kolumbus in Südamerika verbreitet – da stimme etwas nicht, meint er und sieht dies als valides Argument zur Untermauerung seiner Hypothese.

 

 

Was er nicht wusste, ist die Tatsache, dass der Erreger der Chachapoyamumien genetisch nicht von der europäischen Variante abstammt, sondern aus Afrika über den Atlantik kam, vermutlich mit Robben, in denen Rinder-Tuberkulose bereits nachgewiesen wurde und mit denen der Mumien sehr große Ähnlichkeiten hat. Diese beliebte Nahrungsquelle brachte so die Krankheit nach Südamerika (Krause 2019, 216)  – ganz ohne „Keltenkriegern“ auf der Flucht vor Rom.

 

Weitere Hinweise aus "Kulturparallelen"

Archäologie Peru Chachapoya
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Nachdem Giffhorn also mithilfe naturwissenschaftlicher Methoden bisher kein Beweis gelang, versucht er mittels Vergleichen von kulturellen Erscheinungen seine Hypothesen zu bestärken. Das ist ihm – unserer Meinung nach – in den meisten Fällen nur sehr schlecht gelungen, weshalb wir ursprünglich den Gedanken hegten, diesen kritischen Kommentar zu verfassen. Er listet ein Argument nach dem anderen auf und hofft darauf, dass sie vom Leser angenommen und geglaubt werden, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen, Fakten zu sammeln und Statistiken anzulegen, so wie man es von einem Wissenschaftler erwarten würde.

 

Dass er Kulturkontaktvergleiche anwendet und als glaubwürdig ansieht, bestärkt er mit folgendem Absatz:Archäologen benutzen ständig Kulturparallelen, um Verbindungen zwischen geografisch oder zeitlich auseinander liegenden Kulturen festzustellen. Das ist beispielsweise unverzichtbar, wenn es um den Nachweis von Handelskontakten oder von Wanderungen oder Kontinuität in der Geschichte einer Kultur geht.Das ist zwar grundsätzlich richtig, aber in der Geschichte der Archäologie schon mehrmals ganz gut daneben gegangen. Beispielsweise auf der Suche nach dem Ursprung der Megalithik. Bis zum Aufkommen naturwissenschaftlicher Methoden wie C14, war die gängige Annahme, dass die Megalithik ihren Ursprung in den Mastabagräbern in Ägypten hat und von dort in alle Himmelsrichtungen diffundierte. Heute wissen wir, dass die Ursprünge weitaus älter sind und an der Atlantikküste, womöglich in der Bretagne, liegen.
Kulturparallelen sind wichtig für die Archäologie, müssen aber z.B. durch durchlaufende Typologien unterstützt und durch naturwissenschaftliche Datierungen lokal und überregional belegt werden. 

 

Um das mit einem Beispiel zu veranschaulichen, bleiben wir bei der Megalithik: Wenn man in der Bretagne ein megalithisches Ganggrab einer gewissen Bauart mit einem C14-Datum von 4.800 v. Chr. hat und ein in der Bauweise außergewöhnlich ähnliches Grab erst wieder tausende Kilometer weiter an der Schwarzmeerküste findet, kann man nicht darauf schließen, dass es gleich alt und von der gleichen „Kultur“ erbaut wurde. Das muss durch weitere naturwissenschaftliche Datierungen und durch Funde aus dem Grab, die denen der bretonischen Kultur gleichen, untermauert werden. Kann man keine kulturellen Beziehungen feststellen, wird man nicht annehmen können, dass das Megalithgrab an der Schwarzmeerküste von Bretonen errichtet wurde. Allerdings geht Giffhorn in seiner Argumentation genau nach dem Schema vor und meint, dass die Baumeister ihre eigene Kultur aufgegeben, die materielle Kultur der Indigenen angenommen haben, nichts eigenständig mehr herstellten, aber ganze Städte nach ihren gewohnten Methoden errichteten und dieses Wissen über Generationen weitergaben.
All das auf einem anderen Kontinent, auf dem sie als kleine Gruppe (in Relation zur damals großen Bevölkerung Südamerikas) von Flüchtlingen in einem neuen Klima, unbekannter Flora & Fauna und neuen Krankheiten überleben, sich bis nach Nordperu durch den Dschungel, vorbei an zahlreichen Städten von bedeutenden Hochkulturen durchkämpfen, um in den Bergen gesund anzukommen und dort in die Herrscherelite eingebunden werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eingetreten ist, bewegt sich tatsächlich im Null-Bereich – doch dazu in den nächsten Absätzen noch mehr.

 

"Keltische" Rundhäuser in den Anden

Chachapoya Genetik
Rundhäuser in Kuelap. Copyright Jorge Gobbi CC BY 2.0

Giffhorn beginnt das Kapitel zu Rundbauten und Siedlungsformen durchaus mit Vernünftigen Ansichten. Rundbauten hätten, genauso wie rechteckige Bauten, gewisse Vor- und Nachteile und ergeben sich aus variablen Gründen, etwa dem verfügbaren Baumaterial oder aus statischen Gründen. Obwohl die meisten südamerikanischen Bevölkerungsgruppen rechteckige Holzbauten bevorzugten, gäbe es auch abseits der Chachapoya Rundhäuser. Spannend wird es für Giffhorn, als er entdeckt, dass die runden Häuser der Chachapoya in waldreichen Gebieten vorkommen, wo man ja davon ausgehen könnte, dass ausreichend Holz für die Konstruktion von rechteckigen Häusern vorhanden wäre. Vergleiche aus kargeren Regionen gäbe es keine. Somit erscheint es unlogisch, dass runde Häuser bevorzugt wurden.


Erklärt wird dieses Rätsel mit dem Erscheinen von nordspanischen und balearischen „Kelten“, deren Bauweise nach Giffhorn jener der Chachapoya Rundhäuser „bis ins Detail“ gleiche (Giffhorn 2014, 219). Dort existieren tatsächlich ganze stadtartige Komplexe aus Rundhäusern. Doch ist das wirklich ein Beweis für einen Kulturkontakt?

 

Die Geschichte der Rundhäuser beginnt im 9. Jahrtausend v. Chr. in Anatolien und Zypern. Ein wichtiges Beispiel ist die befestigte Siedlung von Choirochitia in Zypern, wo sowohl genug Wald, als auch Stein für die Errichtung der Häuser vorhanden gewesen wäre. Diese Kultur kommt zu einem recht abrupten Ende, wonach nicht mehr rund gebaut wird.

 

Giffhorn behauptet zurecht, dass die runde Bauweise im Mittelmeerraum eher vorkommt, als im Rest Europas. So beispielsweise in der berühmten Nuraghischen Kultur Sardiniens, wo ab 1.200 v. Chr. gewaltige Steintürme entstehen, mitsamt zugehöriger Siedlungen. Es wird rund gebaut, weil man sonst keine Türme im Kraggewölbe hätte errichten können – das Schlusssteingewölbe war noch nicht erfunden.

 

Die nordspanische Castro-Kultur und vergleichbare Erscheinungen auf den Balearen veranlassen Giffhorn zur Hypothese, dass dort lebende „Kelten“ ihre Technologie nach Südamerika transferierten, als sie vor der immer größer werdenden Macht Roms flohen (weiterführend hierzu Giffhorn 2014, 132-152). Er geht dabei von einer Handvoll Schiffen aus, die den Atlantik querten. Bedenken wir, dass sich die Flotte mangels Funk und aufgrund von Schlechtwetter aus den Augen verliert, werden die einzelnen Schiffe getrennt voneinander, sofern überlebt, die Küste des heutigen Brasilien erreichen – nicht unmöglich und sogar gewissermaßen wahrscheinlich.

 

Die Überlebenden (nach Giffhorn höchstwahrscheinlich nur Männer, genau gesagt Krieger. Z.B. Giffhorn 2014, 144) waren mit einer komplett unbekannten Umwelt und einem ziemlich dicht besiedelten Amazonasgebiet konfrontiert (hierzu empfehle ich die Lektüre von „C. Mann 2016, Amerika vor Kolumbus: Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents.“). Wenn sie nicht mit offenen Armen empfangen wurden, hatten sie große Strapazen vor sich. Wer leitete die Gruppe, die mit Sicherheit immer kleiner wurde, im Angesicht neuer Krankheiten und anderen Einflüssen, bis ins heutige Nordperu?

 

Angenommen, es gibt eine Gruppe von Überlebenden, die bei den Chachapoya ankommen, von ihnen akzeptiert und in die Gesellschaft aufgenommen werden. Wie stark kann ihr Einfluss auf die Entstehung einer neuen Kulturform sein, wie es Giffhorn behauptet und vor allem worauf nehmen die Zuwanderer Einfluss?

Laut Giffhorns bisherigen Nachforschungen beschränken sich die Einflüsse auf die Errichtung von Rundbauten, auf den Bau der Festung Kuelap, die er mit einer karthagischen Festung in Tunesien oder Segontia Lanka in Nordwestspanien (die nicht zu den Castrokulturen zählt und wo es keine Rundbauten gibt) vergleicht, auf die Verwendung von Steinschleudern, einen einzigen Fund einer Schädeltrepanation, die scheinbar ein Vergleichsstück auf Mallorca findet sowie auf einen Schädeltrophäenkult in Form von in Stein gemeißelten Gesichtern, die in der Castrokultur Nordwestspaniens „zum verwechseln Ähnlich“ vorkommen, wie auch bei den Chachapoya (Giffhorn 2014, 195-226).

 

Kultureller Einfluss auf die Chachapoya?

Chachapoya Ausgrabung
Auch in Spanien gibt es runde Häuser! Copyright AnaisGoepner CC BY-SA 4.0

Die von ihm aufgelisteten „Kulturparallelen“ sind nur durch massiven Einfluss auf eine bestehende Gesellschaft zu erklären. Man müsste die Einwanderer also in die oberste, einflussreiche soziale Schicht integriert haben, wo sie zu wesentlichen politischen Entscheidungen befähigt gewesen wären. Das ist gut möglich - zumindest unserer Ansicht nach - denn es ist durchaus nicht unüblich, dass Fremde in einer Gesellschaft sehr positiv aufgenommen werden. Wenn dem so gewesen wäre, hätten sie jedoch mit Sicherheit noch andere Elemente der Kultur beeinflusst – allem voran Alltagsgegenstände wie Keramik. Wir wissen sehr gut, dass weit gereiste Personen, die in anderen Gesellschaften aufgenommen werden, sehr oft ihre ursprünglichen Traditionen materieller Kultur weitertragen.

Ein gutes Beispiel sind potentielle mitteleuropäische Einwanderer, möglicherweise Söldner, die ab der Zeit des 13. Jhdts. v. Chr. im östlichen Mittelmeerraum eintrafen, in den Städten rund um die mykenischen Palastanlagen lebten und dort weiter ihre eigene „barbarische“, handgeglättete Keramik herstellten. Die Krieger brachten ihre Schwerttypen mit, die typologisch in den norditalisch-pannonischen Raum einzuordnen sind, und übten derart starken Einfluss in der Zeit des Untergangs der Palastkulturen aus, dass sie die Waffenproduktion und somit auch Kampfesweise der Kulturen im östlichen Mittelmeerraum nachhaltig prägten (Pabst 2013, 119).

 

In keinster Weise sind Einflüsse auf die materielle Kultur der Chachapoya festzustellen. Wenn eine neue Elite in eine Bevölkerungsgruppe eindringt, ist das Beibehalten ihrer Traditionen eher die Regel, als die Ausnahme. Als gutes Beispiel könnte man die Glockenbecherkultur heranziehen, bei denen sich eine fremde Elite in weiten Teilen Europas verbreitet, in den Gräberfeldern der indigenen Bevölkerung beisetzen lässt und trotzdem ihre Glockenbecher-Tradition und die anderen typischen Grabbeigaben beibehält. Nichts dergleichen konnte bei den Chachapoya je gefunden werden. Das ist natürlich noch immer keine eindeutige Falsifizierung von Giffhorns Hypothesen, aber es macht sie extrem unwahrscheinlich.

 

Dass nun die eingewanderten „Karthager-Kelten“ als Baumeister für ganze Chachapoya-Ansiedlungen herangezogen werden, obwohl sie in keinem anderen kulturellen Bereich Einflüsse ausübten, ist ebenso unwahrscheinlich. Giffhorn vergleicht die Rundhausbauten mit jenen von Mallorca und Nordwestspanien, zeigt ein paar Fotos und zwei Pläne anhand derer man die Ähnlichkeit sehen soll. Die Häuser sind ähnlich, da rund und aus Stein gebaut – mehr nicht. Selbst auf Giffhorns Plänen sind aber viele architektonische Details, die die Ähnlichkeit reduzieren. Abgesehen davon legt er keine Fakten und Vergleiche in Form von Messungen und Statistiken offen, beispielsweise die durchschnittliche Größe der zeitgleichen Hausgrundrisse auf beiden Kontinenten, keine typologischen Weiterentwicklungen über die Jahrhunderte, keine detaillierten Vergleiche der Mauerwerke, die er nur auf zwei Fotos zeigt. Das ist keine wissenschaftliche Beweisführung, sondern Sammeln einiger Ähnlichkeiten. Besonderes Augenmerkt legt er auf die Festung von Kuelap und zieht Vergleiche zu karthagischen Festungen, aber insbesondere auf die Mauern von Segontia Lanka, einer „keltiberischen“ Festung, die nicht in Nordwestspanien liegt, so wie seine anderen spanischen Vergleiche, sondern in der Provinz Soria, die wiederum in der Meseta liegt. Die Meseta war sowohl geologisch, als auch klimatisch und archäologisch stark von grünen Norden und Nordwesten Spaniens stark getrennt. Eine sehr interessante Barriere, die hier zwei komplett unterschiedliche Regionen voneinander trennt. Zur weiteren Lektüre empfehle ich: „M. Almagro-Gorbea (Hrsg.), Iberia. Protohistory of the far west of Europe: From Neolithic to Roman Conquest. 2014.)

 

Festungen in Spanien und Südamerika

Ausgrabung Südamerika Kuelap
Die Toranlage von Kuelap. Copyright Martin St-Amant CC BY 3.0

Prof. Giffhorn schreibt: „Die Festungen der anderen Hochkulturen Amerikas sind völlig anders konstruiert als Kuelap. So schützen die Inka und die Azteken ihre Anlagen zum Beispiel mit gestaffelten, vergleichsweise niedrigen Mauern; in Kuelap sind diese bis zu zwanzig Meter hoch. Doch wo lassen sich beweiskräftige Parallelen in der Alten Welt finden? Die im 7. Jahrhundert v.Chr. gebaute karthagische Festung der Insel Ibiza ist nach den selben Prinzipien konzipiert wie Kuelap: Auf einer Bergkuppe umgibt eine gewaltige Mauer zahlreiche Wohnhäuser. Dieses Konzept war in der antiken Welt weit verbreitet, zum Beispiel auch bei karthagischen Festungen in Nordafrika. Die genauesten Entsprechungen entdecken wir jedoch im vorrömischen Spanien. Viele keltiberische Städte – wie Numancia, Uxama und Tiermes – thronten auf Bergkuppen, und auch diese Städte waren wie Kuelap von einer starken Verteidigungsmauer umgeben, und oft war sogar die Größe der Anlagen identisch. (Giffhorn 2014, 223 f.)“

 

Sehen wir uns dieses Zitat im Detail an: Giffhorn weist darauf hin, dass die Chachapoya ganz andere Mauern errichten, als andere südamerikanische Völker, was auch eindeutig stimmt. Dann meint er, die karthagischen und „keltiberischen“ Festungen wären nach exakt dem gleichen Prinzip erbaut, wie jene der Chachapoya – auf einer Bergkuppe ist eine Siedlung mit mehreren Häusern, die von einer starken Verteidigungsmauer umgeben ist und sogar die Größe der Anlagen sei identisch.

 

Vielleicht habe ich Festungsbauten bei Höhensiedlungen in der Urgeschichte nicht genau genug studiert, aber diese Beschreibung trifft auf tausende Anlagen in Europa zu – das definiert eine befestigte Höhensiedlung, mehr oder weniger. Was die Fläche der Anlagen angeht, hätte er zumindest mehrere Vergleiche mit tatsächlichen Maßen darstellen können.

Ausgrabung Spanien Chachapoya
Eine Torgasse im spanischen Castro Trona. Mauerhöhe und -technik nicht mit Kuelap vergleichbar. Copyright Xaime Mendez CC BY-SA 2.1

Nun betrachten wir noch die Mauertechnik, auf die Giffhorn seine Theorie stützt. Ganz besonders wichtig für ihn ist die enorme Höhe der Mauer von Kuelap mit bis zu 20 Meter. In ganz Nordspanien gibt es keine derartig hohen Befestigungsmauern aus vorchristlicher Zeit, in der die Castrokultur existierte. Blicken wir auf die Toranlagen: In Kuelap sind sie mittels Kraggewölbe überdacht. Soetwas gibt es in Europa nicht, nichtmal in der bronzezeitlichen Zyklopenbauweise (die übrigens auch „Kulturparallelen“ in Südamerika hat, aber trotzdem zwei unterschiedliche, unabhängige Erfindungen und Entwicklungen sind), denn, wenn die Toreingänge gedeckt sind, dann mit einfachen Überlagern. In Kuelap ist die gesamte Torgasse mit einem Kraggewölbe gedeckt – soetwas gibt es in Europa nicht. Ich komme also zum Schluss, dass die Ähnlichkeiten der Maueranlagen darauf beschränkt ist, dass sie eine Siedlung umringen und schützen, was nunmal der Zweck einer solchen Anlage ist und natürlich auch noch, dass sie alle die Tatsache gemeinsam haben, aus Stein errichtet zu sein. Wo ist hier ein Beweis für eine zusammenhängende kulturelle Entwicklung?


Die Errichtung von Kuelap wird derzeit ins 4. – 6. Jhdt. n. Chr. datiert. Giffhorns Einwanderung soll noch vor Christi Geburt stattgefunden haben. Die ur-ur-ur-ur-Enkel der Einwanderer haben schließlich die Bücher ihrer Vorfahren zur Hand genommen, um nach dem spanischen Vorbild diese Festung zu errichten. Während die Zentralspanier, die Nachfahren der Segontier, die Festungsmauer errichteten, beschäftigten sich die Abkömmlinge der Castro-Vorfahren aus Nordwestspanien mit der Errichtung der runden Wohnhäuser – so wird es wohl gewesen sein!

 

Ein weiteres Argument Giffhorns ist das Format der Bausteine, die in Kuelap und in der Castrokultur verwendet wurden. Zwei Fotos in seinem Buch sollen die Theorie des direkten Zusammenhangs glaubhaft machen. Beim Betrachten der Bilder auf Wikipedia, kann ich keine regelmäßigen Parallelen in der Mauertechnik der Castros von Nordwestspanien erkennen, allerdings das Fehlen von Kraggewölbetechnik in Spanien sehrwohl als Gegenargument liefern. Um das Kapitel der Kulturvergleiche in der Architektur abzuschließen, folgt noch ein Zitat, zu dem ich meinen Unmut garnicht in Worte fassen kann: „Selbst für die bisher nie verstandenen monströsen Ausmaße der Mauern von Kuelap böte die Hypothese endlich eine Erklärung: ein Ergebnis gemeinschaftsstiftender Rituale aus den megalithischen Wurzeln (sic!) der Einwandererkulturen. Die neuesten Ausgrabungsergebnisse zur Baugeschichte Kuelaps sprechen jedenfalls dafür.“

 

Die Aussage der megalithischen Wurzeln der Einwandererkulturen ist vollkommen absurd aus mehreren Gründen. Dass die Castrokultur, eine direkte Entwicklung aus bronzezeitlichen Megalithkulturen ist, ist nicht bewiesen. Er spricht immer von der keltischen Bevölkerung Spaniens – das wiederum impliziert, dass die „Kelten“ aus der megalithischen Zeit und aus der entsprechenden Bevölkerung entstanden und das muss ich an dieser Stelle wohl nicht kommentieren, erwähne allerdings noch die Einwanderung von Steppenvölkern aus dem Osten, gerne als Einfluss der „Jamnaja-Gene“ bezeichnet, in der Zeit von rund 2.800 bis 2.200 v. Chr., die wahrscheinlich indogermanische Sprachgruppen nach Europa brachten (Haak 2016, 23). Darauf, dass es Giffhorn nicht sehr genau nimmt mit der Definition des Keltenbegriffs habe ich ja schon einmal gezeigt und werde das auch im nächsten Kapitel nochmals tun.

 

In Stein gemeißelte Gesichtsdarstellungen

Kelten Chachapoya
"Verblüffende" Ähnlichkeit zu Nordwestspanien zeigt diese Gesichtsdarstellung in Kuelap? Copyright Jorge Gobbi CC BY 2.0

Anhand einiger Fotos zeigt Giffhorn menschliche Gesichter, die in Stein gemeißelt sind und sowohl in Nordwestspanien bei den Castro-Siedlungen als auch bei den Chachapoya finden. Ihre Ähnlichkeit sei verblüffend. Zurückgehen würde das auf einen Schädeltrophäenkult, den die „Kelten“ praktizieren und als wichiges, traditionelles Kulturelement nach Südamerika mitbrachten. Er zeiht einen Vergleich zur Steinpforte von Roquepertuse, an der in der späten Latènezeit mehrere menschliche Schädel angebracht wurden (Giffhorn 2014, 208 f.). Ohne hier weiter auf die Darstellungen eingehen zu wollen: Was soll das beweisen? In Mittelamerika finden sich auch zahlreiche Olmekenköpfe mit afrikanischen Phänotypen – beweist das eine Kriegerelite aus Afrika, die Mittelamerika in vorchristlicher Zeit dominiert hatte?

Eine "Horntierkopfaxt" aus dem Amazonas

Beim Ziehen eines Entwässerungsgrabens auf einem Privatgrundstück an einem Nebenfluss des Amazonas entdeckt jemand eine Bronzeaxt, die auch noch den Rest des abgebrochenen Stiels enthält, hebt diese bei sich zu Hause auf. Schließlich gelangt diese nach dem Tod des Finders über einen Händler an Heinz Budweg, der Giffhorn informiert. So lautet die offizielle Hintergrundgeschichte zu dem Artefakt, das Giffhorn gerne als einen seiner Beweise heranzieht. 

Zur Axt selbst finden sich keine entsprechenden typologisch vergleichbaren Stücke in Europa, weshalb Giffhorn unter anderem ein Stierkopfgefäß aus der Phase Ha C2 aus einem Tumulus in Österreich (Ja! Richtig gelesen! Hierzu interessante Einführungslektüre: Sauer 2015) als Vergleich in seinem Buch abbildet und es als „keltische Keramik“ betitelt. Wir befinden uns in der Zeit um 700 v. Chr., wo es absurd ist in Österreich, vor allem in der Kalenderberggruppe des Osthallstattkreises, von Kelten zu sprechen. Es gibt zu dieser Zeit in diesem Raum keine Kelten und schon gar keine „Protokelten“; übrigens ein in sich vollkommen falscher Begriff. Hier verweisen wir wieder auf Karl 2012 und fügen hier ein Zitat an: „“die Kelten“ gab es nie, weder in der Antike noch gibt es sie heute, noch gab oder gibt es etwas wie “das Keltische“. „Die Kelten“ und „das Keltische“ sind ein Konstrukt, sind nicht mehr als Etiketten, die wir als abgekürzten Begriff für (tatsächlich oder angeblich signifikante) Assoziationen in der Evidenz, die wir untersuchen, verwenden. (Karl 2012, 111 f.)

 

Nun, im Grunde ist die Axt ist ein Einzelstück aus dem Antikenhandel mit dubioser Herkunft. Sie kann tatsächlich leider nicht als Beweisstück herangezogen werden, da ihre Herkunft nicht eindeutig belegbar ist. Das Holz der Schäftung stammt allerdings scheinbar aus Südamerika und der Baum wurde ca 500 n. Chr. gefällt, so die angeblich durchgeführte C-14-Datierung. Das ist jedoch kein Beweis, dass die Axt bereits um 500 n. Chr. in Südamerika war, lediglich, dass das Holz des Stiels von einem Baum stammt, der um 500 n. Chr. abgestorben ist. Wann die Schäftung getauscht wurde, kann nicht belegt werden. Ob es sich um eine Fälschung handelt, habe Giffhorn prüfen lassen, indem die Kupferpatina auf ihre Entstehung untersucht wurde – sie wurde offenbar nicht künstlich erzeugt, was ein tatsächliches Alter von 1500 Jahren durchaus möglich macht oder aber auch „nur fünfhundert Jahre“, wie Giffhorn selbst schreibt (Giffhorn 2014, 117). Somit wäre es nach seiner eigenen Aussage möglich, dass das Stück erst nach Kolumbus nach Südamerika gelangt und dort eine neue Schäftung erhält, aus sehr altem Holz, das sich durchaus so lange halten kann – Beispiel Mooreiche.


Nun aber ein Zitat, mit dem sich Giffhorn unserer Meinung nach selbst disqualifiziert:Ein Glücksfall. Es gibt vergleichbare antike Fundstücke! Kürzlich fanden deutsche Archäologen in Ostwestfalen bei Grabungen mit Hilfe von Metalldetektoren das Bruchstück einer antiken Schnalle, sie besteht wie die Axt aus einer Kupferlegierung. Römische Legionäre hatten das Teil vor rund zweitausend Jahren nach Germanien gebracht und dort verloren. Dann lag es im permanent feuchten Waldboden Norddeutschlands, also in vergleichbaren Bedingungen wie in einem Sumpf im Amazonasurwald. Und die Patina der Axt zeigt exakt dieselbe Struktur und dieselbe Farbigkeit wie das römische, rund zweitausend Jahre alte Artefakt – ein weiterer Beleg für die Echtheit und ein erster Hinweis auf das Alter der Axt. (Giffhorn 2014, 117)
Erstaunlich! Eine 2.000 Jahre alte römische Schnalle mit Patina. Welch großartiger Beweis für das Alter einer Axt. Er geht einfach davon aus, dass die Bodenbedingungen wie PH-Wert, Mineralienzusammensetzung und Temperatur in Norddeutschland genau gleich ist, wie im Amazonassumpf. Unterstützend für die Altersbestimmung durch den Vergleich zweier Metallobjekte, soll der annähernd gleichhohe Zinkgehalt beider Funde sein. So funktioniert also Wissenschaft.

 

Nun wiederum meint Giffhorn, dass die Einwanderer ihre ursprünglichen Fertigkeiten, wie etwa die Metallverarbeitung in Südamerika aufgaben, weshalb man keine Metallgegenstände bei den Chachapoya fände. Dann taucht eine Kupferaxt auf, die ins 5. Jhdt. n. Chr. datiert werden möchte und dann ist es eben wieder ein sehr gut passendes Beweisstück für seine Theorien, auch wenn er meint, dass die Axt vom europäischen Besitzer verloren wurde und sie ein indigener Südamerikaner einige Jahrhunderte später wieder für sich neu schäftete. Da die Herkunft des Stücks nicht geklärt werden kann, ist es sinnlos, daraus einen Beweis für die Einwanderungshypothese zu ziehen.

 

Abschließend ein Zitat aus Giffhorns Buch, anhand dessen sich der Leser oder die Leserin selbst eine Meinung bilden möge: „Die Ergebnisse der Holzanalysen sind ein seltener Glücksfall. Sie machen die Axt sogar beweiskräftiger (sic!), als wenn sie von professionellen Archäologen ausgegraben wäre. Nun kann ausgeschlossen werden, dass ein geltungssüchtiger Archäologe eine aus der Alten Welt mitgebrachte Antiquität an einer Ausgrabungsstelle vergraben hat, um sie dann am nächsten Morgen – offiziell in situ dokumentiert – zu „entdecken“. So etwas gab es schon. (Giffhorn 2014, 120)“

 

Schädeltrepanationen als weiteres Indiz für europäische Einwanderung

Trepanation Chachapoya Guanchen
Schädel mit teilweilweise verheilter Schaptrepanation.

Die Beweisführung Giffhorns werde ich hier anhand direkter Zitate kommentieren.

 

Die für die Chachapoya „typischen Bohrlöcher“ der Schädeltrepanation lassen schon deshalb eine außergewöhnliche Beweiskraft erwarten, weil diese Art der Schädelbehandlung extrem selten ist. (Giffhorn 2014, 204.)“ und „[...], dass in Amerika keine Hinweise auf irgendwelche Vorläufer der ausgefeilten und komplizierten Chachapoya-Bohrtechnik zu finden sind. (Giffhorn 2014, 205.)

Die für die Chachapoya „typischen Bohrlöcher“ gibt es nicht. Trepanationen wurden in mehreren Varianten durchgeführt: kreisförmige Schabtrepanation (in Europa häufig), Bohren (im eisenzeitlichen Europa geläufig in mittels Kreislochbohrern), Schneiden in rechteckiger Form und Schneiden in runder Form (Nystrom 2007, 48.). Schabtrepanationen wurden teilweise überlebt und zeigen Spuren von Heilung (so wie auch in Europa). Bohrtrepanationen endeten meist fatal oder sind überhaupt erst postmortal angefertigt worden, so wie auch in Europa (Breitwieser 2005, 147 f.).


Dass diese Art der Schädelbehandlung extrem selten ist, stimmt nicht. Es ist nämlich die einzige Art einer Schädelbehandlung in der Prähistorie. Die Art der Durchführung ist sehr unterschiedlich und Ahnlichkeiten von Bohrmustern an lediglich zwei (!) Schädeln - einer aus Peru, einer aus Mallorca - bringen keine aus Europa eingeführte chirurgische Technik zum Beweis. Noch dazu handelt es sich bei der von Giffhorn behandelten Trepanationsart um eine Methode die in den meisten Fällen lethal endet, deshalb in der Regel nicht durchgeführt wurde und sich die einfachere Schabtrepanation, mit Überlebenschancen bis zu 75 %, durchsetzte. Warum sollten die Einwanderer eine schlechte Methode eingeführt und durchgesetzt haben?


Ein Überblick zu Trepanationen auf der ganzen Welt: R. Arnott, S. Finger, C. Smith (Eds.), Trepanation. History, Discovery, Theory. 2005. (https://de.scribd.com/document/246632946/Trepanation)

 

 

Giffhorn bezieht sich auf einen Schädel aus dem Gräberfeld von Son Real, das in der Zeit vom 7. bis zum 2. Jhdt. v. Chr. belegt wurde. Einige Bestattungen zeigen Trepanationen. Ein Schädel (dessen Alter nicht angegeben ist), weist konische postmortale Bohrungen auf. Das Gegenstück in Peru ebenso und noch dazu wurden die Bohrungen an den ziemlich genau gleichen Stellen angesetzt. Da der Chachapoya-Schädel wohl nicht aus vorchristlicher Zeit stammt, liegen mehrere hundert Jahre zwischen den beiden Operationen und dennoch schreibt Giffhorn: „Wenn dies unabhängig voneinander entstanden sein sollte, müsste man schon an einen absurd unwahrscheinlichen Zufall glauben (Giffhorn 2014, 206.).“
Ergänzung: In einem jüngeren Artikel (http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/Celtic-Immigrants-in-Ancient-Peru.pdf) schreibt Giffhorn auf Seite 22, dass der Chachapoya-Schädel mind. 550 Jahre alt sei, das europäische Gegenstück mind. 2000 Jahre.


Was soll man zu diesem Satz noch sagen? Es liegen mehrere Jahrhunderte und eine Atlantiküberquerung dazwischen. Beide Schädel sind Einzelstücke, es gibt keine erkannbaren Muster, die andere Operationen direkt vergleichbar machen. Noch dazu haben die Menschen der Urgeschichte bereits erkannt, dass Bohrtrepanationen meist tödlich endeten und somit, so auch die Chachapoya, die Schabtrepanation bevorzugt. Somit ist auch diese „Beweisführung“ Giffhorns einfach nicht stichhaltig.

 

Fazit

Der Abschluss soll mit einem Zitat aus dem Internet beginnen. Einer der wichtigsten Chachapoyaforscher, Klaus Koschmieder, der sein Leben dem Andenvolk gewidmet hat, schrieb kurz vor seinem Tod: „Das mit den hellhäutigen Chachas ist die alte Leier die auch zuletzt wieder von Hans Giffhorn in Buch und Film verbreitet wurde. Bullshit!“ (http://rockydog.de/ 29.11.2019)

 

Ganz so hart möchten wir es nicht ausdrücken. Die Wahrscheinlichkeit, dass Giffhorns Hypothese stimmt, ist extrem gering. Wir sind der Meinung, dass einige Denkansätze gut sind und Giffhorn sicherlich auch Denkanstöße für weitere Forschungen liefern wollte. Schön wäre es, wenn er seine Forschungen weiter fortführen, sich von den unwahrscheinlichsten bzw. falsifizierten Hypothesen trennen und mit neuen Ansätzen an die wissenschaftliche Erforschung seiner Theorie herangehen würde. Wer weiß, was er noch ans Tageslicht bringen könnte!

 

 

 

 

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Quellen

Breitwieser 2005

R. Breitwieser, Celtic Trepanations in Austria. In: R. Arnott, S. Finger, C. Smith (Eds.), Trepanation. History, Discovery, Theory, 2005. 147-154.

 

Giffhorn 2014

H. Giffhorn, Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya, 2014.

 

Haak 2016

W. Haak, On the dynamics of Neolithic and Bronze Age populations in European prehistory. In: Abstractfolder des 9. Mitteldeutschen Archäologentages. Migration und Integration von der Urgeschichte bis zum Mittelalter. 2016. 23-24.

 

Karl 2012

R. Karl, Essentiell „keltisch“? Zum Sinn der Fragen was „die Kelten“ kennzeichnet und woher sie kommen. In: R. Karl, J. Leskovar, S. Moser (Eds.), Die erfundenen Kelten: Interpretierte Eisenzeiten 4. Linz, 2012. 95-122.

 

Pabst 2013

S. Pabst, Naue II-Schwerter mit Knaufzunge und die Außenbeziehungen der mykenischen Kriegerelite in postpalatialer Zeit. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Main, 60. Jahrgang 2013. 105-152.

 

Sauer 2015

F. Sauer, Eisen – Gräber – Trinkgelage. Die Hallstattkultur und das Burgenland. FÖMat A, Sonderheft 24, 2015.

 

Toyne 2017

J. Toyne, A. Vargas, Un Analisis Bioarquelogico de los Entierros de Kuelap, un Acercamiento a los Patrone de Morfologia y Vida. In: Boletin de Aquelocia PUCP, No 23, 2017, 159-185.

 

 

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