Zusammenfassung der Erkenntnisse der ersten Ausgrabung innerhalb der Befestigung der Altstadt Michelstetten, von K. Schindl


Die sogenannte Altstadt von Michelstetten, eine mächtig mit Holz-Erde-Wällen befestigte Siedlung auf einem Höhenrücken im nördlichen Niederösterreich, ist als polykulturelle Fundstelle bereits aus zahlreichen Fundmeldungen der letzten Jahrzehnte bekannt. Schon Matthäus Much hat im 19. Jahrhundert hier zu seiner Zeit das große Vorkommen an urnenfelderzeitlichem (spätbronzezeitlichem) Fundmaterial festgehalten. Trotz der für die Region überdurchschnittlichen Größe von rund 10 ha innerer Siedlungsfläche und reichlich bekanntem Fundmaterial aus vielen Epochen wurden bis 2024 keine offiziell genehmigten archäologischen Ausgrabungen durchgeführt. Im Vorfeld unserer ersten Grabungen 2024 und 2025 wurden an mehreren Stellen Radar- und Magnetikmessungen (Geosphere Austria) durchgeführt, um abseits von oberflächig beobachtetem Fundmaterial Anhaltspunkte für gezielte kleinräumige Grabungen zu erhalten. Das langfristige Ziel des Projektes ist es, die drei geologisch bedingten Siedlungsterrassen durch kleinflächige Grabungen zu erfassen, um deren Besiedlung chronologisch einzuordnen und etwaige Informationen zur Sozialstruktur im Inneren der Befestigung zu erlangen.

Topographie
Die befestigte Höhensiedlung „Altstadt“ liegt am östlichen Ende der Leiser Berge, einer Kalkstein-Hügellandschaft der Waschbergzone mit einer Erhebung von knapp 500 m. Neben der Altstadt befinden sich hier noch drei weitere erhaltene Befestigungsanlagen: Der Oberleiserberg, der Halterberg und eine Hausberganlage am Buschberg. Die Altstadt liegt an einer von drei Seiten natürlich geschützten Stelle, die von Westen nach Osten in drei Terrassen abfällt. Sie bietet gute Sicht in den Norden und Osten, jedoch nicht in die entgegengesetzten Richtungen.
Von Westen ist die Siedlung am einfachsten erreichbar und dadurch auch durch einen massiven, etwa 1,4 km langen Wall von mehreren Metern Höhe mit vorgelagertem Graben und Querwällen geschützt. Die Datierung des Walls ist nicht restlos geklärt. Fundmaterial aus der Schüttung lässt auf eine Errichtung der Hauptphase ab dem Ende der Bronzezeit schließen, was auch die Funde der Grabung 2024 an den Querwällen nahelegen. Westlich dem Hauptwall vorgelagert befinden sich zwei weitere, nur sehr niedrig erhaltene Wälle und ein kaum erkennbar erhaltener Wall/Palisade, der eine mögliche Vorstadt umschließt, die sich an den topographischen Gegebenheiten orientiert und rund 7 ha umfasst. Das potentielle Siedlungsareal weist eine Größe von etwa 17 ha auf.
Der Zugang in die Befestigungsanlage ist nicht eindeutig geklärt. Die heute bestehenden Durchbrüche sind wohl auf moderne Zerstörungen zurückzuführen. Lediglich ein Altweg, der von Michelstetten
kommend von Ost nach West den Hang aufwärts zur Nordostecke der Altstadt verläuft, könnte auf eine ehemalige Toranlage hinweisen. Allerdings ist der Wall in diesem Bereich beinahe gänzlich
erodiert.



Im Schatten des Oberleiserberges
Die Altstadt von Michelstetten ist in den vergangenen 100 Jahren immer im Schatten des gut erforschten Oberleiserberges gelegen und hat so nie die Aufmerksamkeit erfahren, die sie verdient hätte. Der Oberleiserberg ist eine weitere befestigte Höhensiedlung, die rund 4 km Luftlinie entfernt auf einem sehr markanten und weithin sichtbaren, exponierten Hügel liegt. Bereits vor einem Jahrhundert haben dort die ersten großflächigen Ausgrabungen stattgefunden, die dann 1976 bis 1990 und 1996 bis 2005 fortgeführt wurden und Spuren aus vielen Jahrtausenden Geschichte erbrachten. Einzelne Funde sind aus dem Neolithikum bekannt. In der frühen Bronzezeit, also vor etwa 4000 Jahren, wurde das etwa 7 ha große Plateau mit einem Graben und einer zugehörigen, möglicherweise steinverblendeten Wallanlage umgeben. Erst an Ende der Bronzezeit siedelte man erneut auf der Anhöhe und verstärkte die Befestigung. Aus der Phase der späten Bronzezeit, also vor grob rund 3000 Jahren, haben sich Grundrisse eingetiefter Hütten, Pfostengruben, Lehmplatten und Kuppelöfen erhalten. Vergleichbare erforschte Anlagen der Umgebung sind neben der Altstadt von Michelstetten die Siedlungen von Stillfried an der March, die Heidenstadt bei Limberg und jene von Gars/Thunau im Kamptal.
Eine sehr wichtige Phase der Besiedlung liegt in der Latènezeit, oft auch als „Keltenzeit“ angesprochen. Zahlreiche Funde von Buntmetallobjekten, die weitreichende Verbindungen in den Süden
aufzeigen, sind bekannt. Besonders bedeutend sind jedoch die Münzfunde aus dieser Zeit, die am Oberleiserberg von einem Stamm der Boier geprägt wurden. Ob man den Oberleiserberg zu den Oppida
zählt, ist aufgrund mangelnder Definition des modernen Begriffs noch zu diskutieren.
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Am bekanntesten sind wohl die Reste des germanischen Herrschaftssitzes, der Zeugnis für Römisch-Germanische Beziehungen und Auseinandersetzungen nördlich des Donaulimes ist. Ein großer Herrschaftsbau nach römischem Vorbild aus Stein wurde errichtet und sogar römische Ziegel vor Ort gebrannt, die den Namen Ursicinus tragen. Der Kontakt und Austausch zwischen den einheimischen Germanen und den Römern dürfte also auch durchaus für beide Seiten positiv gewesen sein. Die Funde aus der Spätantike und der Völkerwanderungszeit bis hin zum Frühmittelalter wurden in mehreren Projekten aufgearbeitet und sind publiziert. Der Oberleiserberg gilt als Ort zentraler Bedeutung für die Spätantike und Völkerwanderungszeit des Raumes.
Die Forschungen am Oberleiserberg und im weiter entfernt gelegenen Stillfried bewirkten gewissermaßen, dass man sich mit weiteren potentiell bedeutenden Fundstellen gleicher Zeitstellung nicht beschäftigte und so blieb die mächtige Altstadt weiter tief im Wald verborgen. Nur Heimatforscher, Sammler und Metalldetektoristen bedienten sich den kulturellen Schätzen, die auf der Erdoberfläche lagen, wodurch leider viel Wissen der Allgemeinheit entzogen kam.

Die Grabungen in der heutigen Ortschaft Michelstetten
Die älteste urkundliche Erwähnung des Ortes Michelstetten geht in das Jahr 1128 zurück, wo von einer bestehenden Kirche geschrieben wird, die mit Pfarr- und Zehentsrechten ausgestattet wurde. Es ist davon auszugehen, dass zu dieser Zeit die Siedlung in der Altstadt, westlich oberhalb des heutigen Ortes, bereits aufgegeben war.
In den Jahren 1994 bis 1999 fanden im Ort Michelstetten auf der Flur „Hintaus“ Grabungen des Landesmuseums unter E. Lauermann und F. Drost statt, die heute in drei Monografien publiziert sind. Die Hallstattzeitliche Siedlung von Anna Preinfalk, die Latènezeitliche Siedlung von Peter Trebsche und die Siedlung der römischen Kaiserzeit von Daniel Neubauer. Diese Phasen sind nun nach der Grabung 2025 auch aus der Altstadt belegbar und so stellt sich die Frage, welche der Siedlungen, also jene im Tal oder jene in der Altstadt, zu welcher Zeit der Hauptort war.
In der späten Bronzezeit, der Hallstattzeit, der Latènezeit und auch der römische Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit so wie auch im folgenden Frühmittelalter werden Siedlungen in befestigten Höhenlagen angelegt oder neu besiedelt und zum Teil umgebaut oder auch erweitert. In Michelstetten bzw. in den Leiser Bergen sind zahlreiche Befestigungen bekannt, die zu diesen Zeiten genutzt wurden, darunter eben auch die Altstadt – nur welche Bedeutung hatte sie wirklich? Sie ist flächenmäßig die größte aller dortigen Wallanlagen, doch muss sie deshalb auch die wichtigste gewesen sein? Diese und viele andere Fragen stellen wir uns nach den Ergebnissen der Grabungen 2024 und 2025.

Was die Grabung 2025 zutage brachte:
Wir waren in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen seit etwa 2015 mehrmals im Jahr in der Altstadt. Dabei war die Menge an prähistorischem Scherbenmaterial meist dominant, wenn man so durch die Anlage spazierte. Gelegentlich tauchten auch Fragmente aus der Latènezeit oder dem Frühmittelalter auf, jedoch keine großen Mengen. Wir bewegten uns allerdings auch die meiste Zeit entlang der Wallanlage, wo tatsächlich bronzezeitliches Fundmaterial am häufigsten ist.
Die Grabung 2025 wurde dann an einer Stelle an der westlichsten Siedlungsterrasse angelegt, wo anhand der Magnetometerprospektion Reste von Gruben, Gräbchen, Schüttungen und Grubenhäusern zu erwarten waren. Wir waren fest überzeugt davon, dass wir Reste der bronzezeitlichen Siedlung finden werden und kaum nennenswerte Mengen jüngeren Materials. Dass die Altstadt im Frühmittelalter ein bedeutender Siedlungsplatz gewesen sein könnte, haben wir aufgrund der umliegenden bekannten Fundorte für unwahrscheinlich gehalten. Ich sollte im Laufe der ersten Grabungstage eines Besseren belehrt werden.
Die Altstadt befindet sich in einem Wildtiergehege. Unzählige Tiere durchwühlen den Boden, sodass kaum dauerhafter Bewuchs irgendwo Platz finden kann. Die Erde ist meist schlammig, feucht und schmierig. So waren es auch die ersten Funde, die wir in unserem 5 mal 5 Meter großen Schnitt zutage brachten. Meist waren es unverzierte Wandstücke von einfachen Töpfen, die wir weitestgehend erstmals als prähistorisch einstuften. Doch schon bald wurde es spannend und überraschend: Scherbenmaterial mit einem Hauch orange-rosa, davon einige mit Wellenbandverzierung. Es war sofort klar, dass wir es hier mit Keramik aus dem Frühmittelalter oder auch frühen Hochmittelalter zu tun hatten.
All diese Funde stammten noch aus der durchmischten Waldbodenschicht und sind leider keinen Befunden, also zB. Gruben, Gräben, Pfostenlöchern oder gar Grubenhäusern zuordenbar, was auch ein Problem der Kampagne bleiben sollte. Der erste Grabungsschnitt erbrachte allerdings am Ende doch noch eine eindeutig erkennbare Reihe aus Pfostenlöchern, die jedoch tatsächlich nur prähistorisches, wohl spätbronzezeitliches Keramikmaterial zutage förderten.
Dokuvideo zur Grabung 2025

Der zweite Grabungsschnitt wurde unweit des ersten angelegt, um ein potentielles Grubenhaus zu untersuchen. Die stark magnetisierte Anomalie der geophysikalischen Untersuchung stellte sich jedoch als einfache Grube/Senke heraus, die unten mit bronzezeitlicher Keramik und Knochen verfüllt war. Weiter oben im durchmischten Waldboden kam jedoch etwas zutage, was unsere Sicht auf die Altstadt komplett verändern sollte: Mehrere Scherben von insgesamt drei Gefäßen, die mit Wellenbändern verziert waren, jedoch auf der Drehscheibe gefertigt wurden und von ganz anderer Brand- und Materialqualität waren, als die frühmittelalterlichen aus dem ersten Schnitt. Unsere Vermutung war, dass es sich um spätlatènezeitliche Keramik handeln könnte, die gelegentlich auch Wellenbänder trägt und die Tonart wäre auch irgendwie passend gewesen. Wir waren zufrieden und glücklich über das spannende Fundmaterial.
Die Grabung führten wir erfolgreich zu Ende. Das Ergebnis waren drei Reihen von Pfosten eines wohl spätbronzezeitlichen Hauses, das wir nicht in der gesamten Größe erfassen konnten und dessen Fußbodenniveau aufgrund der Hanglage schon längts erodiert war, also lediglich die untersten 10-20 cm der eingegrabenen Holzstämme übrig waren. Durchaus erfreulich!


Das große Erwachen
Als die Grabungskampagne zu Ende war und die Scherben gereinigt, suchte ich nach Vergleichsstücken zu unseren Funden und wurde recht schnell überrascht: Es handelt sich bei den scheibengedrehten Stücken mit Wellenband um Keramik des 4. und 5. Jahrhunderts nach Christus aus germanischer Produktion aus dem Raum des heutigen Mähren. Diese Keramik kommt in den bekannten Fundorten der Region nur zu weniger als 5 % des Gesamtmaterials vor. Sie ist also eher höherwertig, aber nicht unbedingt selten. Die sonstige Keramik, die zu dieser Zeit verwendet wurde, ist sehr grobschlächtige und stets handgeformte Ware, die ein unwissendes Auge sofort in die vorgeschichtliche Zeit datieren würde. Genau so, wie auch wir das getan haben. Nach der Auswertung aller Keramikfunde von 2025 kann ganz klar gesagt werden, dass prähistorisches Material ganz klar weniger als 25 % ausmacht. Der Rest ist aus der Spätantike, Völkerwanderungszeit und dem Frühmittelalter. Gerade die frei aufgebaute Ware aus diesen Zeiten ist sehr ähnlich und ohne Befundzusammenhang nicht immer eindeutig bestimmbar. Sie macht den Großteil unseres Fundmaterials aus.

Es folgte noch eine Überraschung
Im Rahmen der Grabung und auch durch private Spaziergänge eines Grabungsteilnehmers wurden mehrere Fragmente von scheibengedrehten und teilweise glasierten Reibschüsseln in der näheren Umgebung innerhalb des Walls aufgesammelt, die wir zuerst als neuzeitlich einstuften. Doch nach näherem Betrachten stellte sich heraus, dass auch diese Stücke dem 4. Jhdt. n. Chr. zugeordnet werden können und in dieser Form auch in den direkt römisch beeinflussten Siedlungen vom Oberleiserberg und Stillfried an der March gefunden wurden.
Am Ende der ersten Grabung im Inneren der Befestigungsanlage haben wir nun die Reste eines vermutlich bronzezeitlichen Hausgrundrisses und aus den darüberliegenden, leider stark durchmischten Schichten überwiegend und überraschenderweise Funde aus der Spätantike, Völkerwanderungszeit und dem Frühmittelalter.

Dieses Ergebnis änderte meinen Blick auf die Fundstelle grundlegend und es stellt sich jetzt immer mehr die Frage, in welchem Verhältnis sie zum Adelssitz am Oberleiserberg stand. Wenn die ausgedehnte spätantike und frühmittelalterliche Siedlung im heutigen Ort Michelstetten nur die Talsiedlung zu einem Adelssitz in der Altstadt war, würde das bedeuten, dass hier zwei Adelssitze, einer am Oberleiserberg, einer in der Altstadt, nur vier Kilometer voneinander getrennt lagen.
Bisher ging man nur von einer zeitweiligen Nutzung der alten Befestigungslage aus, die man in Zeiten erhöhten Sicherheitsbedürfnisses aufsuchte. Doch das Verhältnis des Fundmaterials der Bronzezeit zur Frühgeschichte zeigt aktuell eher ein anderes Bild.
Während der Grabung haben wir noch gescherzt – nach dem Fund eines spätantiken Spinnwirtels – dass dies der Herrschaftssitz des letztgeborenen Bruders des Oberleiser Fürsten ist. Vielleicht ist die Vermutung dann doch nicht so ganz unrealistisch…

Wie geht es weiter?
2026 werden wir insgesamt 3 Wochen in der Altstadt graben. Noch ist der genaue Grabungsbereich nicht festgelegt. Geplant ist es, eine der Hausterrassierungen in unmittelbarer Nähe der Grabung 2025 zur Gänze auszugraben, da von dort sowohl ein Fragment einer römischen Reibschale, als auch ein Fragment eines Henkelkruges aus mährischer Produktion des 4./5. Jhdts. n. Chr. stammt.
Wenn du unser Forschungsprojekt unterstützen willst und die Geschichte der Altstadt aus dem Schatten des Oberleiserberges rücken möchtest, dann sei doch bei einem der drei Grabungstermine im Jahr 2026 dabei!
Wir graben zu diesen Terminen:
Termin im Oktober:
Herzliches Dankeschön an alle Gräblinge
Dieses Projekt und unsere Arbeit an der Auswertung der Grabung ist nur möglich durch die Hilfe und Unterstützung unsere Mitglieder und freiwilligen Helferinnen und Helfern, die stets mit unerschütterlicher Motivation beim Graben dabei waren, egal wie heißt oder kalt es gerade war oder die fundleer die Schichten auch mal zwischendurch waren. Ein großartiges Team mit dem die Arbeit mehr als nur Freude gemacht hat! Ich hoffe, ich sehe viele von euch wieder einmal in Michelstetten - egal ob zu Besuch oder zum Graben!
Vielen Dank, Klaus und Florian









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