Gast-Artikel von Klaus: Ausgraben im Land des Goldenen Vlieses: Grakliani Gora

Teil 1: Unsere Ankunft in Georgien

Falls sich noch jemand fragt, wo denn Georgien eigentlich liegt. Anklicken zum Vergrößern.
Falls sich noch jemand fragt, wo denn Georgien eigentlich liegt. Anklicken zum Vergrößern.

Es ist August. Wir sitzen am Flughafen Wien und warten auf unseren Abflug nach Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. Unsere Vorfreude ist ein wenig gebremst, denn wir wissen noch nicht wirklich, was uns erwartet. Eigentliches Ziel unserer Reise ist die Ausgrabung am Grakliani Hill, an der wir aufgrund einer Kooperation der Nürnberger Historischen Gesellschaft und der Uni Tbilisi teilnehmen dürfen. Vor Ort sollen wir Freiwillige bei der Ausgrabungsarbeit betreuen. Die Reise wurde von der Kneissl Touristik GmbH veranstaltet und durchgeführt.

 

Etwa sechs Stunden vergehen, bis wir nach der Zwischenlandung in Istanbul dann im Landeanflug auf Tbilisi sind. Die Blicke auf das Umland der Großstadt verunsichern mich. Riesige verlassene Industrieanlagen, stillgelegte Kraftwerke, Müllhalden - all das sind die Hinterlassenschaften aus Sowjetzeiten. Noch bin ich mir nicht sicher, ob ich mich wirklich auf die nächsten Wochen freuen soll.

 

 

Auf der Autobahn: Ein Bagger. Komplett ungesichert, ohne Begleitung. Einfach so. Dazu kommen noch Fußgänger, Tiere und Radfahrer. Foto: J. Dubach
Auf der Autobahn: Ein Bagger. Komplett ungesichert, ohne Begleitung. Einfach so. Dazu kommen noch Fußgänger, Tiere und Radfahrer. Foto: J. Dubach

Der Flughafen ist überschaubar. Wir holen uns unseren Mietwagen und stürzen uns waghalsig in den Verkehr. Dieser stellt sich als leicht chaotisch heraus. Absolute Respektlosigkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern, halsbrecherische Überholmanöver und im Allgemeinen - für mitteleuropäische Verhältnisse - unnachvollziehbares Verhalten fast aller Fahrer und Fahrerinnen. Im Nachhinein kann ich sagen: Nach zwei Wochen gewöhnt man sich daran. Die obersten Regeln sind: Vorausschauend fahren, für die Anderen mitdenken, nicht reizen lassen, defensiv fahren und vor allem viel Abstand halten.


Nach unserer ersten wilden Fahrt quer durch die Hauptstadt, erreichen wir unseren Nächtigungsort - die alte Hauptstadt des Landes: Mzcheta. Ein überschaubares kleines Städtchen, nördlich von Tbilisi am Zusammenfluss von Kura und Aragwi. Hier befindet sich die wichtigste Kathedrale des Landes und der frühere Königssitz, doch dazu in einem anderen Beitrag mehr. Wir freuen uns aufs Bett, aber vorher noch auf die ersten Erfahrungen mit der georgischen Küche, die für mich die größte Vorfreude war, denn sie wurde uns als ausgesprochen vielfältig und außergewöhnlich gut beschrieben. Und ja, es stimmt leider, denn auch unsere Speckröllchen gaben nach zwei Wochen ihr fortschreitendes Wachstum bekannt.

Der Feueraltar mit den Inschriften am Podest während der Freilegungsarbeit. Foto: V. Licheli
Der Feueraltar mit den Inschriften am Podest während der Freilegungsarbeit. Foto: V. Licheli

Erster Tag auf der Grabung in Grakliani Gora

 

Warum ausgerechnet Grakliani Gora? Nun, es handelt sich um ein relativ junges Grabungsprojekt, dass durch den Fund von fast 3000 Jahre alten Inschriften im Jahr 2015 internationale Bekanntheit erlangte. Sogar National Geographic berichtete über das Projekt und man setzt sich dafür ein, es zum UNESCO-Weltkulturerbe zu machen. Die Inschriften sind die ältesten im ganzen Kaukasusgebiet und sind bei den Ausgrabungen als Bestandteil einer Tempelanlage, genaugenommen eines Feueraltars, zutage gekommen. Seitdem sucht der Grabungsleiter Prof. Dr. Vakhtang Licheli mit vollem Eifer nach weiteren Inschriften, die ihm sicherlich schlaflose Nächte bereiten.

 

 

Prof. Licheli vor dem großen Flugdach, das die Grabungen schützt. Rechts im Bild einer der zahlreichen Feueraltäre bzw Kultöfen zum Backen von heiligem Brot.
Prof. Licheli vor dem großen Flugdach, das die Grabungen schützt. Rechts im Bild einer der zahlreichen Feueraltäre bzw Kultöfen zum Backen von heiligem Brot.

Nach unserem Eintreffen an der Ausgrabungsstelle werden wir von Prof. Licheli und seinem deutschen Kollegen Robert Übelacker empfangen. Man zeigt uns das neu errichtete Grabungshaus, das in wenigen Monaten eine ganz neue archäologische Ausstellung beherbergen soll. Besucher sollen hier alles über die Ausgrabungen, die Funde und auch die aktuelle Arbeit erfahren können. Wir sind begeistert, wie viel Geld in dieses Projekt investiert wird.

 

Wir gehen den steilen Hang hinauf, dorthin wo sich die Siedlungsterrassen befinden und auch die Inschrift - natürlich ist diese ordnungsgemäß zugedeckt, bewacht und gesichert. Sogar ein großes Flugdach hat man über weite Teile der Grabungsflächen gebaut.

 

Bekannt wurde der Fundort bereits 2005, als der Autobahnbau vorangetrieben wurde. Es folgten Notgrabungen, ebenfalls von Prof. Licheli geführt, bei denen über 200 Gräber vom Neolithikum bis in die Eisenzeit freigelegt wurden und man auf die ehemalige Bedeutung dieses Platzes aufmerksam wurde.

 

Es folgten Grabungen bis 2008, als Russland beschloss, Teile Georgiens zu annektieren. Das war ein 10-tägiger Krieg, bei dem die Provinzen Abchasien und Südossetien abtrünnig wurden und etwa 850 Menschen um ihr Leben gebracht wurden. Der Vorstoß der Russen an ihren südlichsten Punkt endete genau am Grakliani Hill, beim heutigen Ort Kaspi, der im Zuge des Krieges bombardiert worden war. Panzerstellungen und Gräben sind heute noch aus dem Luftbild sichtbar. Auch am Grakliani Hill selbst befindet sich ein Panzernest, bei dessen Aushub großteils römische Befunde zerstört worden waren. Prof. Licheli erzählte uns von seinen Grabungen zwischen den Fronten und - schon mit ein wenig Humor - von seinen "Bombenprospektionen". Nach dem Bombardement von Kaspi suchte er die Trichter der Einschläge auf, um dort nach freigelegten archäologischen Befunden und Artefakten zu suchen und diese zu dokumentieren.

 

Luftbild von den Ausgrabungen am Grakliani Hill. Foto: S. Kokhreidze
Luftbild von den Ausgrabungen am Grakliani Hill. Foto: S. Kokhreidze

Nach dem Krieg gingen die Grabungen weiter und Prof. Licheli beschloss, dieses Projekt zu seiner Lebensaufgabe zu machen. Das von ihm aufgebrachte Engagement für diese Fundstelle und - das sei an dieser Stelle betont - seiner Mitarbeiter und Studenten, sucht seinesgleichen.

Nach der Entdeckung der Schriftzeichen im Jahr 2015 war die Sensation perfekt. Großes Interesse von staatlicher Seite führte zu einer dringend  benötigten Finanzspritze. Doch leider haben wir erfahren, dass die staatliche Förderung 2019 um die Hälfte gekürzt wird. Umso mehr ist man von nun an auf private Finanzierung und Freiwillige angewiesen, sodass die weitere Bezahlung der Mitarbeiter und Studierenden gewährleistet ist.

 

Nach einer ausführlichen "Tour de Grabung", unterhalten wir uns über unsere Ziele, die wir in unseren zwei Wochen Grabungsteilnahme erreichen wollen. Wir dürfen auswählen, ob wir lieber in bronzezeitlichen oder eisenzeitlichen Siedlungsschichten arbeiten wollen und entscheiden uns vorerst für die älteren Phasen.

Unsere erste Arbeitsaufgabe: Ein mehr als 2800 Jahre alter Ofen in der Ecke eines Wohnhauses.
Unsere erste Arbeitsaufgabe: Ein mehr als 2800 Jahre alter Ofen in der Ecke eines Wohnhauses.

Bevor es für uns losgeht, wird Werkzeug verteilt - das haben wir im Flugzeug natürlich nicht mitgenommen. Etwas überrascht erhalten wir Steakmesser mit Wellenschliff, Pinsel und Schäufelchen - in 10 Jahren Archäologie und Ausgrabung erlebt man so manches, aber hier hat es mir kurz die Stimme verschlagen. Kurz ein paar Worte zum Pinsel: Dieser kommt in der Archäologie - trotz seiner Darstellung in den Medien - in der Regel nur bei Feinstarbeit oder sehr trockenen Umständen zum Einsatz. Mitteleuropäische Verhältnisse, also feuchte Lehm-, Löss- oder Humusböden werden definitiv nicht mit dem Pinsel bearbeitet. Hier in Georgien ist die Situation eine ganz andere. Der Boden ist lehmig, sandig, hart und trocken, also bestens geeignet, um mit dem Pinsel und Besen zu putzen, ohne den Befund zu verschmieren (wer wissen will, was mit "putzen" gemeint ist, muss auf eine Grabung mitkommen...) Die schwere Vorarbeit mit Spitzhacke und Schaufel machen meist Arbeiter aus dem Dorf. Sie tragen oft meterdicke Versturzschichten ab. Zum Freilegen der erhaltenen, ungestörten Siedlungsbefunde kommen Prof. Lichelis Studenten und Freiwillige zum Einsatz, wobei bei Bedarf von allen auch Arbeit mit schwerem Gerät verrichtet werden kann und auch die Arbeiter perfekte Ausgräber mit Feingefühl geworden sind.

 

Wir werden einem tollen Befund zugeteilt: In der Ecke eines Wohnhauses befindet sich ein Ofen, wie schon zahlreiche hier am Grakliani Hill freigelegt wurden. Noch ist dieser mit Versturz bedeckt, welchen wir sorgfältig abtragen, um die Reste des aus Lehm gebauten Ofens freizulegen. Gleich zu Beginn unserer Arbeit erkennen wir Holzreste an einer der an den Ofen anstehenden ehemaligen Hauswände. Es handelt sich also um eine Wandkonstruktion aus Balken (bzw eigentlich Ästen), die anschließend mit Lehm verschmiert wurden und durch die gegebenen Umstände sehr hoher Trockenheit am Hang des Grakliani Hill bis heute erhalten sind. Diese Bauweise ist hier bereits gut dokumentiert. Mehr oder weniger glückliche Umstände (zumindest für die Archäologie) führten zum Abbrennen der eisenzeitlichen Siedlung, aus der eben deswegen zusammengestürzte Häuser mitsamt verkohlter Dachkonstruktion und gesamtem Haushaltsinventar erhalten sind. Einige aus unserer Truppe werden sich in den nächsten beiden Wochen selbst beim Freiputzen beteiligen dürfen - eine echte Herausforderung, denn wenn die Holzkohle (die verkohlten Dachlatten) einmal an die trockene Luft kommt, zerfällt sie in kurzer Zeit zu Staub, wenn sie ungeschützt bleibt.

Die ersten Balken der verstürzten Dachkonstruktion werden freigelegt.
Die ersten Balken der verstürzten Dachkonstruktion werden freigelegt.

Wir arbeiten weiter an unserem Wohnhaus mit dem Eckofen. Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Vermutlich gab es einen Erdrutsch, der die bronzezeitliche Siedlung zerstörte und zudeckte. Dieses Unglück beförderte Erdmaterial - also auch anthropogene Schichten - von den höher gelegenen Terrassen nach unten. Diese Tatsache führte dazu, dass unser Wohnhaus komplett mit Versturzmaterial, welches Funde vom Paläolithikum bis zur Bronzezeit enthält, verfüllt ist. Wir bergen im Zuge der nächsten Tage kiloweise Keramikfragmente. Um zu unserem Ofenbefund zu kommen, muss all dieses Versturzmaterial weggegraben werden - doch auch hier steckt viel Information drin, denn der Versturz scheint nicht auf einmal verlagert worden zu sein, sondern über einen längeren Zeitraum. Diese Versturzschichten lassen sich trennen.

 

Wir wollen bis zum Fußboden vordringen, auf dem sich die Menschen in der Bronzezeit bewegten. Jedoch sollten wir es in den nächsten 14 Tagen nicht schaffen, wie wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wissen. Auf unserem "Weg" nach unten, werden wir noch auf einige interessante Funde stoßen. Eines davon, soviel möchte ich hier schon sagen, ist ein mittelpaläolithisches Steinwerkzeug, es stammt also vom Neandertaler und ist älter als 40.000 Jahre. Die Freude war groß, als die aufmerksamen Augen von Daniel dieses Artefakt erkannten, denn kaum jemand hätte es von einem normalen Stein unterschieden. Einziger Nachteil an dem tollen Fund: Er ist aus einer der großen Versturzschichten und somit nicht mehr in der ursprünglichen Fundlage, als er in der Altsteinzeit benutzt und irgendwann abgelegt worden war. Nachdem wir Prof. Licheli auf den Fund angesprochen haben, deutet er auf das Plateau des Grakliani Hill und meinte, dass diese Dinger da oben zuhauf herumliegen. Artefakte in situ, also in ihrer Originallage in einer paläolithischen Schicht, habe man noch nicht gefunden.

Abends im Grabungscamp
Abends im Grabungscamp

Der Abend rückt näher und unser erster Arbeitstag geht dem Ende zu. Prof. Licheli meint, wir sollen ihm in das Grabungsquartier folgen. Das deutsche Team hat gleich unterhalb der Grabung ein Haus gemietet, wo wir einen lustigen Abend verbringen werden. Mehrmals wurde erwähnt, dass wir auf ein paar "drops of magic water" eingeladen werden. 

Wir setzen uns an einen langen Tisch, über den ein Sonnen- und Regendach aus einer einfachen Plane errichtet ist. Eine Handvoll Studenten des georgischen Teams beginnen eifrig um uns herumzulaufen, bringen Teller, Gläser, Wasser und eine willkommene Erfrischung am Ende eines heißen Tages - viel saftige Wassermelone. Doch das sollte nicht alles sein und so folgt georgischer Salat und Hühnchen mit Sauce und Brot. Zusätzlich zu alldem bringt Prof. Licheli eine Colaflasche mit 2 Liter Fassungsvermögen, die jedoch mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt ist und zwar mit sogenanntem Chacha, einer Art georgischem Grappa, der von den Weinbauern aus dem Trester selbst gebrannt wird. Die Gläser werden gefüllt und man heißt uns nochmal hochoffiziell auf der Grabung willkommen. Das war der Beginn einer wunderbaren Zeit, die wir herzlich aufgenommen in einer internationalen Gemeinschaft von Archäologen verbrachten.

 

In den nächsten Tagen geht's weiter. Wir schreiben noch mehr über die Ausgrabung, einen eigenen Artikel über die Funde und auch über die Ausflüge, die wir in der Umgebung unternommen haben. Also bleib dran!

 

Hier geht es zu Teil 2: Klick mich

 

Wenn du selbst in Georgien mitgraben möchtest, hast du die Möglichkeit im September 2019. Komm mit uns mit!

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